Graswurzelrevolution

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Die #Graswurzelrevolution #GWR braucht Eure Solidarität! https://www.graswurzel.net/gwr/2026/06/die-graswurzelrevolution-braucht-eure-solidaritaet #Zeitung #AlternativePresse #Anarchie

Die Graswurzelrevolution braucht Eure Solidarität!

Liebe Leser*innen, die mit 28 Seiten besonders dicke Graswurzelrevolution Nr. 510 ist die letzte Ausgabe vor der Sommerpause. Im Juli und August erscheint keine GWR. Wir hoffen, dass Ihr den Sommer genießen könnt und Zeit findet für politische Aktivitäten, damit die Zustände nicht so bleiben, wie sie sind. Vor zwei Jahren haben wir mit einem Flyer in der Sommer-GWR 490 darauf hingewiesen, dass wir 200 Neuabos und 10.000 Euro Spenden brauchen. Die Resonanz darauf war überwältigend. Viele GWR-Leser*innen haben in der Redaktion angerufen und erzählt, wie wichtig ihnen ihre Monatszeitschrift ist und wie sehr sie sich Monat für Monat auf die neue Ausgabe freuen. Noch mehr von Euch haben großzügig gespendet und dazu beigetragen, dass wir die GWR in den letzten beiden Jahren herausbringen konnten, ohne den Preis zu erhöhen oder die Insolvenz zu fürchten. Ihr habt uns gerettet und ermutigt! Dafür möchten wir uns ganz herzlich bei Euch bedanken! Wenn wir auf das vergangene Jahr zurückblicken, denken wir mit Unbehagen daran, dass uns in der Sommerpause 2025 die Postbank ohne Begründung die beiden Konten von Zeitschrift und Buchverlag Graswurzelrevolution gekündigt hatte und wir uns mit viel Stress auf die Suche nach einer anderen Bank machen mussten. Die Kontokündigungen sind im Zusammenhang mit dem Debanking (die GWR berichtete) zu sehen: Gekündigt wurden auch Konten der Roten Hilfe, der DKP, des Anarchist Black Cross, mehrerer Ortsgruppen der VVN-BdA und anderer antifaschistischen Organisationen. Die rechtsextreme Trump-Regierung hat den Antifaschismus zum Terrorismus erklärt und übt weltweit Druck auf Banken aus, damit diese die Konten antifaschistischer Organisationen kündigen. Die Konten von Buchverlag und GWR liegen seit Herbst 2025 bei der genossenschaftlichen GLS-Bank. Wir hoffen, dass wir dort bleiben können, nachdem die GLS ihre zunächst ausgesprochenen Kontenkündigungen gegen die Rote Hilfe aufgrund zahlreicher Proteste zurückgenommen hat. Das Postbank-Konto des gemeinnützigen Fördervereins für Freiheit und Gewaltlosigkeit (siehe unten) ist vom Debanking übrigens nicht betroffen. Die Situation auf dem Zeitungsmarkt ist nicht einfach. Wir müssen immer wieder Hebel in Bewegung setzen, damit alles rund läuft. Das ist ehrenamtlich allein nicht zu schaffen. Wir haben eine weitere kleine Stelle eingerichtet, die für die Bewältigung der umfangreichen „bürokratischen“ Aufgaben zuständig ist. Die Kosten hierfür fallen zusammen mit den gestiegenen Ausgaben für Druck und Vertrieb, den hauptamtlichen Koordinationsredakteur, die Honorare u.a. für unseren Layouter, die Genoss*innen im Vertrieb und in der Online-Redaktion. Die Monatsmieten für das Redaktionsbüro in Münster und das Büro von GWR Abo & Vertrieb in Freiburg sowie Kosten für Telefon und Energie fallen auch dann an, wenn in der Sommerpause gerade keine GWR erscheint, also kaum laufende Einnahmen zu verzeichnen sind. Kurzum: Die alljährliche GWR-Sommerpause sorgt in unserer Zeitungskasse für ein großes Sommerloch. Damit es sich nicht zu einer Finanzkrise ausweitet, bitten wir unsere Leser*innen um Spenden. Wir möchten mit Schwung und ohne finanzielle Probleme die nächsten Ausgaben im Herbst produzieren können. Denn eine deutlich vernehmbare anarchistische, gewaltfreie und antimilitaristische Stimme fehlt in der Medienlandschaft gerade jetzt, wo sich die Situation in vielen Bereichen zuspitzt. Wir brauchen wieder 10.000 Euro und 200 Neuabos, um über die Sommerpause zu kommen. Deshalb bitten wir um Eure Unterstützung. Das können Spenden sein, Neuabos, die Umwandlung von Abos in Soliabos, Geschenkabos, Freiabos für Gefangene usw. Gemeinsam mit Euch werden wir es schaffen, die Graswurzelrevolution weiterzuentwickeln! Danke für Eure Solidarität! ##### Spenden bitte an: > Förderverein für Freiheit und Gewaltlosigkeit e.V., > > Postbank Karlsruhe, IBAN: DE66 6601 0075 0031 7617 59, > > BIC: PBNKDEFFXXX, > > Spende StNr 2.2 VerzNr 615 FA HD. Spenden auf das Konto des Vereins für Freiheit und Gewaltlosigkeit e.V. sind steuerlich absetzbar. Bitte schreibt auf den Überweisungsträger deutlich Eure Anschrift, da Spenden über 300 Euro extra von und für das Finanzamt bescheinigt werden müssen. Bei Spenden unter 300 Euro reicht die Buchungsbestätigung des Kreditinstitutes, wenn unter Verwendungszweck „Spende StNr 2.2 VerzNr. 615 FA HD“ angegeben wurde. Ihr könnt uns für die Spendenbescheinigung aber auch Eure Adresse mitteilen (Höhe und Datum der Zahlung bitte nicht vergessen). Zuwendungsbescheinigungen werden automatisch zu Anfang des Jahres verschickt. Spenden

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#GWR506 Widerstand heißt Leben! – Berxwedan Jiyan e! Die Angriffe in Aleppo und Nord-/Ost-Syrien aus Sicht von Kurd*innen, die nun erneut vertrieben werden #Syrien https://www.graswurzel.net/gwr/2026/01/widerstand-heisst-leben-berxwedan-jiyan-e/

Widerstand heißt Leben! – Berxwedan Jiyan e!

Während die Aufmerksamkeit der Welt woanders liegt, spielt sich im Norden und Osten Syriens erneut eine humanitäre Katastrophe ab. Die Frauenrevolution und die basisdemokratische Selbstverwaltung in Rojava sind der islamistischen Al-Jolani-Regierung ein Dorn im Auge. Islamistische Milizen der syrischen Übergangsregierung (HTS) und des türkischen Autokraten Erdoğan greifen momentan die Autonomieregion Nord- und Ostsyrien an. Der von der Regierung am 18. Januar 2026 angekündigte Waffenstillstand wurde von ihr nicht eingehalten. Die Islamisten haben am 20. Januar bereits 60 Prozent der kurdischen Selbstverwaltungsgebiete erobert und befinden sich weiter auf dem Vormarsch auf die kurdischen Städte Kobanê und Hêseke. Sie haben zehntausende inhaftierte IS-Kämpfer befreit und üben massive Gewalt an der kurdischen Bevölkerung und vor allem den Frauen aus. (GWR-Red.) Am 11. Januar 2026 versammeln sich die Menschen in den Städten von Nord- und Ostsyrien. Mit Fahnen und Bannern stellen sie sich am Rand der Ortsdurchfahrten auf und erwarten den Widerstandskonvoi, der mit den Verwundeten aus Aleppo zurückkehren soll. Wenige Tage zuvor waren hunderte Zivilist:innen in Richtung Aleppo aufgebrochen. Sie hatten sich auf den Weg gemacht, um den Widerstand der selbstverwalteten, kurdischen Viertel Scheich Maksud und Aschrafia gegen die Angriffe der Syrischen Armee zu unterstützen. „Wartet auf eure Leute, wir kommen, um euch zu unterstützen!“, hatte eine der Frauen, die sich aus Kobanê auf den Weg machte, gesagt. Der Konvoi hatte Aleppo nicht erreicht. Doch durch den entschlossenen Widerstand der Gesellschaft, konnte ein Waffenstillstand ausgehandelt werden, um die Verletzten, sowie die Körper der vom islamistischen, syrischen Regime Getöteten aus den kurdischen Vierteln zu evakuieren. Über Hundertausend Menschen haben innerhalb weniger Tage ihr Zuhause, ihre Gemeinschaft, Freundinnen und Verwandte verloren. Die meisten von ihnen erleben all das nicht zum ersten Mal. Viele sind ursprünglich aus der kurdischen Region Afrin, die bis zum Einmarsch der türkischen Armee und islamistischer Kombattanten 2018 zur selbstverwalteten, autonomen Region Rojava gehörte. Nun werden sie zum dritten oder vierten mal in ihrem Leben vertrieben. Dieser Artikel soll nicht von Krieg handeln, sondern von Frieden. Was bedeutet wahrhaftiger Frieden in diesen kriegerischen Zeiten und was hat das mit Heimat zu tun? In Palästina, Kurdistan, Venezuela, Sudan, Ukraine und Somalia wird Krieg geführt und Menschen werden vertrieben. Auch die europäischen Staaten befinden sich in einer Offensive der Aufrüstung, die von einer konstanten Faschisierung der Diskurse begleitet wird. Diese Kräfte haben ein großes Thema: Heimat. Ob in Syrien oder in Europa wird diskutiert, wem es erlaubt ist, beheimatet zu sein. Gleichzeitig werden Kriege unterstützt und Menschen zur Flucht gezwungen. **Diese Geschichte beginnt in Afrin** Afrin ist ein schmerzendes Wort für diejenigen, die dort zu Hause sind, denn sie waren schon lange nicht mehr dort. Seit der Besatzung durch die türkische Armee, 2018, lebten viele als Geflüchtete in einem Camp, das in Shehba, nicht weit von Afrin entfernt, aufgebaut worden war. Auch von dort wurden sie im letzten Winter durch den Krieg der islamistischen Söldner, die jetzt in die Syrische Armee eingegliedert wurden, vertrieben. Heute sind viele von ihnen in einem neuen Camp, in Tabqa. Wir besuchen sie dort, werden in ihre Zelte eingeladen, hören von den Schwierigkeiten, der Kälte im Winter, der Hitze im Sommer, aber auch ihrer Entschlossenheit zusammen zu bleiben und eines Tages nach Afrin zurück zu kehren. Im weitesten Nord-Westen von Syrien wurde die Region Afrin 2012 im Zuge der Rojava-Revolution vom Baath-Regime befreit. So wie im ganzen befreiten Gebiet, wurden von den Menschen selbstbestimmt Institutionen der Selbstverwaltung aufgebaut. Seitdem organisiert sich die Gesellschaft in Kommunen und Räten, in Kooperativen wurde eine gemeinschaftliche Wirtschaft etabliert und durch Bildung ein kommunales Bewusstsein entwickelt. „Das heißt, wenn eine Entscheidung gefällt wurde, war die Kommune involviert, und auch, wenn Probleme gelöst wurden. Die Kommune schafft die Organisation der Gesellschaft, wir geben ihr die größte Bedeutung, von allen Institutionen und Räten. Alle Menschen finden einen Platz in der Kommune“, erzählen Frauen aus Afrin, die nun in einem Camp für Binnengeflüchtete der Autonomen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens leben. **Basisdemokratie** Das basisdemokratische System, in dem jedes Individuum Teil der Entscheidungsprozesse ist, sodass diese im Sinne des Gemeinwohls getroffen werden, ist die Perspektive eines freien, gesellschaftlichen Lebens der Menschen in Nord- und Ost-Syrien. Die Basis bilden demokratische und ökologische Werte, wobei die Notwendigkeit von Frauenbefreiung und die Gleichwertigkeit der Geschlechter im Vordergrund stehen. Vom Leben in Afrin erzählen die Frauen weiter: „Zu Beginn der Rojava-Revolution 2012/2013 lebte Afrin in einer selbstversorgenden Kreislaufwirtschaft. Die Menschen ernährten sich von dem Land, das sie umgab. […] In jedem Haus standen Bäume im Hof und Gärten wurden angelegt. […] Beim Anbau von Pflanzen für den Verkauf werden oft chemische Dünger genutzt, um den Gewinn zu steigern, doch in Afrin gab es so etwas nicht. Wenn die Frauen zu Hause anbauten, deckten sie die Bedürfnisse ihres Haushalts und vielleicht auch die ihrer Nachbar*innen und Freund*innen. Afrin war isoliert (belagert), und wir hätten weitere zehn Jahre so überleben können. Warum? Weil jedes Haus einen eigenen Garten hatte, der die Menschen selbst versorgen konnte. Maßgeblich dafür waren die Frauen, die das Land bestellten und bewässerten. Sie pflanzten hier Blumen und dort Tomaten. Hier eine zarte Rose und daneben Bohnen. Die Menschen in Afrin bauten alles selbst an. Außerdem hatte jedes Haus Schafe, für Joghurt, Milch und Käse. Und auch um diese kümmerten sich meist die Mütter. Es gab auch Hühner, sodass die Menschen keine Eier auf dem Markt kaufen mussten.“ > _**Tausende Binnenvertriebene aus Afrin entwickelten in den Geflüchtetencamps eine Perspektive eines freien, gemeinschaftlichen Lebens.**_ Die Frauen sprechen voller Stolz von der natürlichen Kreislaufwirtschaft und der Bedeutung der Selbstversorgung in Zeiten von Krieg und Belagerung. Die Rolle der Frauen und Mütter darin, als Trägerinnen dieses ge- meinschaftlichen Lebens, steht für sie im Vordergrund. Sie sprechen davon, wie grün Afrin ist, im Gegensatz zu der dürren Landschaft, in der sie nun von neuem versuchen ein Leben aufzubauen. Sie meinen das Grau-Grün von Olivenbäumen. Afrin ist berühmt für seine Olivenbäume und die Ölproduktion. Die Türkische Armee, die im Januar 2018 das kommunale Leben in Afrin gewaltvoll unterbrach, nannte ihre Militäroffensive „Operation Olivenzweig“. Mit der neu kreierten Söldnergruppe „Syrian National Army“ (SNA), die die türkischen Interessen in Syrien umsetzen soll, begann am 20. Januar 2018 ein Angriffskrieg gegen Afrin. „Im Afrin-Krieg waren auf einmal Kriegsflugzeuge über uns am Himmel. Das hatten wir in unserem Leben noch nicht gesehen. Wir hatten keine Erfahrungen mit Krieg“, erzählen die Frauen über diesen Tag. Die türkischen Interessen waren, einen Begriff von Heimat zu verteidigen, der nur einer ethnischen Gruppe, eine Sprache, einer Kultur und einer Religion erlaubt zu Hause zu sein. Um dieses Verständnis zu etablieren, wurde der türkische Staat auf der Grundlage der Negierung der kurdischen Gesellschaft, der bis 1991 in der Türkei offiziell verbotenen Sprache, Ethnie und Kultur aufgebaut. Das bunte gemeinschaftliche Leben, welches sich durch die Rojava-Revolution auf der anderen Seite der türkischen Staatsgrenze entwickelte, bedrohte diesen Begriff zu widerlegen, vor allem weil diese vor allem eine kurdische Initiative war. Die Frauen aus Afrin erzählen, wie durch den Widerstand der Frauen, ethnische Spaltungen überwunden wurden und darin eine Leitungsrolle für die gesamte Gesellschaft einnahmen. „Die Wahrheit ist, dass Frauen das Leben über tausende Jahre angeführt haben. Aber wir, in der Mitte all dessen, hatten viele Schwierigkeiten. Ob wir es mögen oder nicht, in Kultur, Religion, überall gibt es Sitten und Traditionen. Die Frauenbewegung wurde ein Vorbild und eine Kraft für uns. Innerhalb der Gesellschaft, als Frauen, Autonomie unter Frauen aufzubauen, sich dadurch selbst kennenzulernen und zu befreien… und damit Vorreiterinnen zu werden für Frauen weltweit… In Afrin lebten vor allem kurdische und arabische Frauen, ein paar wenige turkmenische Familien gab es auch. Wenn wir miteinander über den Aufbau von Frauenkommunen sprachen, hat es sich angefühlt, als würde sich die ganze Gesellschaft auf eine Korrekturlinie zu bewegen. Die Gesellschaft konnte einen tiefen Atemzug nehmen und leichter atmen. Wir machten Bildungen zur Verteidigung von Frauenrechten. Frauenbefreiung bedeutet, Frauen müssen sich selbst kennen lernen. Wir brauchten Frauenkommunen, denn darin konnten Frauen ihren Schmerz und ihr Leiden durch unterdrückerische Traditionen, Väter, Brüder oder Ehemänner miteinander teilen.“ Zwei Monate nach dem Beginn des Angriffskrieges, am 18. März 2018, beginnt die Besatzung Afrins durch die türkisch unterstütze SNA. Diese plündern die Dörfer, vergewaltigen, morden, entführen, foltern und verüben zahlreiche menschenrechtswidrige Massaker an der Zivilbevölkerung. Das Sprechen der kurdischen Sprache wird verboten und die geschichtstragenden Olivenhaine werden abgebrannt. Tausende sind gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Da Afrin ein Zufluchtsort für viele Menschen geworden war, die vor Kriegen fliehen mussten, wie zum Beispiel durch die Angriffe des IS auf die Jesid*innen in Shengal, war diese Vertreibung für Viele bereits die zweite in ihrem Leben. Die Menschen aus Afrin gaben das Ziel nicht auf, zurückzukehren. Viele entfernten sich daher nur so weit wie nötig, gingen nach Aleppo oder nach Shehba. Auch in Shehba waren die Angriffe der SNA präsent und viele Menschen hatten die Region verlassen. Shehba war von der türkischen Besatzung und dem totalitären syrischen Assad-Regime umzingelt, einem wirtschaftlichen Embargo und ständigen Angriffen ausgeliefert. Tausende Binnenvertriebene aus Afrin entwickelten in den Geflüchtetencamps eine Perspektive eines freien, gemeinschaftlichen Lebens. „Nach unserer Ankunft [in Shehba] haben wir zunächst drei Monate lang die Familien in den Zelten besucht. Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben miteinander darüber gesprochen, wie Frauen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, Probleme frühzeitig erkennen und ihre Kinder und die Umgebung sauber halten können. Denn wenn Frauen gut vorbereitet und gestärkt sind, können sie die ganze Familie versorgen. Anschließend haben wir uns im Gemeinderat getroffen. Wir besprachen unsere Situation, die Kriegslage, wie es zu unserer Vertreibung gekommen war und wie wir uns künftig organisieren wollten.“ In den Geflüchtetencamps wurde auch die Selbstverteidigung selbst organisiert. „Wer auch immer ins Camp kam, in die Kommune, wenn ein Fremder kam, hat jemand aus dem Selbstverteidigungskomitee direkt nachgesehen, wer es ist. Es ging ihnen darum, das alltägliche Leben gut zu organisieren und eine Zukunft zu gestalten, die die Kriegssituation überwinden kann. „Wir hatten in Shehba eine Kita eingerichtet. Für den ersten Tag der Kinder war alles vorbereitet. Aber wir mussten den Kindergarten aufgeben und Shehba verlassen.“ Sieben Jahre lang hatten die Menschen aus Afrin in Shehba gelebt und sich dort in den Camps weiterhin selbstverwaltet gegen die Angriffe der Türkischen Armee verteidigt. „Wenn deine Hände in der Erde etwas anpflanzen, baust du Wissen und Energie auf. Du kannst Frauen aus Afrin nicht von der Natur trennen. Man denkt, in den Camps würde gar nichts wachsen. Doch wir haben alles angepflanzt. Davon getrennt zu sein, ist wie von der eigenen Schönheit, der Liebe des Lebens, des Geistes getrennt zu sein.“ Als im Herbst 2024 das Assad-Regime gestürzt wurde, nutzte die Türkei diesen Moment und griff die Region mit Luft- und Bodenangriffen durch SNA und das türkische Militär an. Am 2. Dezember 2024 wurden die Geflüchtetencamps evakuiert und die Menschen mussten erneut fliehen. Das „hat einen Einfluss auf die Menschen. Frauen sind am meisten beeinflusst. Weil sie oft ans Haus gebunden sind. Sie versorgen den Haushalt, ziehen die Kinder groß. Ob alles lebensnotwendige verfügbar ist oder nicht, ob es Arbeit gibt oder nicht, ob alles läuft oder nicht, es beeinflusst sie. Einige Probleme werden erlebt und Schwierigkeiten, durch dieses Fliehen“, erzählt eine der Frauen. Eine andere Frau fügt hinzu: „Als wir von Shehba fliehen mussten und hierher kamen, war Winter. Wir waren in der Kälte in Zelten. Aber die Frauen haben Widerstand geleistet und sich selbst in den Camps verteidigt, denn eine Frau, die nicht organisiert ist und sich nicht verteidigen kann, kann unter solchen Bedingungen nicht leben. […] Die Frauen ermutigen sich gegenseitig, um den Bedingungen zu trotzen.“ Manche Familien sind in die Städte gegangen, haben Arbeit aufgenommen, andere sind in andere Geflüchtetencamps gezogen, wie die Frauen dieses Interviews und wieder andere sind nach Aleppo gezogen. In Aleppo wurden sie in den selbstverwalteten Stadtteilen Shehmesud und Ashafriye in die dortige Nachbarschaftskommunen integriert und engagierten sich in den Komitees. Die restlichen Teile der Stadt Aleppo unterstehen der neuen Syrischen Übergangsregierung, die sich nach der Machtübernahme der islamistischen Miliz Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) im Herbst 2024 bildete. Damit haben die zwei selbstverwalteten Stadtteile durch ihre Lage eine bedeutende Rolle und waren immer wieder Ort von Auseinandersetzungen. Die Übergangsregierung schürte Spaltungen und Hetze, vor allem gegen religiöse und ethnische Minderheiten in den selbstverwalteten Vierteln. In einem Verhandlungsprozess zur Integration der Selbstverteidigungseinheiten der Autonomen Selbstverwaltung, der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), in die Übergangsregierung wurde sich am 10. März 2024 auf ein Abkommen geeinigt. Das Ziel einer Demokratisierung sollte ein Syrien schaffen, in der alle dort ansässigen Menschen gemeinsam Heimat finden können. So lautet Punkt 7 des Abkommens: „Ablehnung von Aufrufen zur Spaltung, Hassreden und Versuchen, Zwietracht zwischen den Bevölkerungsgruppen Syriens zu säen.“ Und Punkt 5: „Gewährleistung der Rückkehr aller vertriebenen Syrerinnen und Syrer in ihre Städte und Dörfer und Gewährleistung ihres Schutzes durch den syrischen Staat.“In der Umsetzung des Abkommens und einer Dezentralisierung Syriens hatte Aleppo eine besondere Rolle. Die Demokratischen Kräfte Syriens übergaben die Wahrung der Sicherheit der selbstverwalteten Stadtviertel an interne Sicherheitskräfte, welche in den Selbstverteidigungskomitees der Kommunen wurzeln. Im April 2024 unterzeichnete der zivile Rat der Stadtviertel ein Abkommen mit der Syrischen Übergangsregierung. Darin wird bestätigt, dass die beiden Stadtteile selbstverwaltet bleiben und dennoch als Teil von Aleppo anerkannt werden, wobei die soziale und kulturelle Identität des Gebiets respektiert wird. Die Straßen in den restlichen Teil Aleppos sollten geöffnet werden und die Verantwortung über die Sicherheit der Viertel gemeinsam getragen werden. Gegen Ende des Jahres wurde immer klarer, dass die Prozesse der Demokratisierung und Dezentralisierung Syriens blockiert werden. Die daraus folgenden Spannungen zeigten sich vor allem in den Vierteln in Aleppo. Im Dezember wurden die Zufahrtsstraßen in die Viertel von den Regierungstruppen blockiert, sodass die Versorgung erschwert wurde. Es folgten militärische Auseinandersetzungen zwischen Regierung und internen Sicherheitskräften auf Angriffe auf Demonstrationen der Bevölkerung. Am 6. Januar 2026 griffen die Söldnermilizen der Syrischen Übergangsregierung und der Türkei mit schweren Waffen gezielt Zivilist*innen und Infrastruktur an. Sie mordeten und zerstörten. Das Şehid-Xalid-Fecir-Kranken-haus wurde von der Regierung zu einem militärischen Ziel erklärt und zerstört, wodurch die medizinische Versorgung von hunderten Verletzen verhindert wurde. Viele verließen die Viertel und begaben sich ins Ungewisse. Andere folgten dem Aufruf der Kommunen und Räte und beschlossen, in ihren Vierteln zu bleiben und Widerstand zu leisten. Die internen Sicherheitskräfte der Selbstverwaltung verteidigten die Viertel und leisteten Widerstand, während die islamistischen Söldnergruppen mit menschenverachtenden Methoden angriffen. Dabei filmten sie ihre Taten und stellten sie ins Internet, so dass die ganze Welt sehen konnte, wie sie gefangene Zivilist*innen demütigten und die Leichen der Ermordeten verstümmelten und schändeten. Den Körper einer ermordeten kurdischen Kämpferin warfen sie unter dem Gejohle von Islamisten aus dem dritten Stock auf die Straße. Gerade die Frauen erfahren besondere Gewalt durch die faschistisch-islamistischen Angreifer. Der Widerstandswille der Gesellschaft in Nord-und Ostsyrien ist groß. Die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert ist, auch. Mit ihrem Widerstand zeigt sie der Welt, dass Revolution, Selbstbestimmung und Frauenbefreiung möglich sind. Der 11. Januar 2026 war ein Tag von Verlust. Eine weitere Heimat wurde genommen. Der Widerstandskonvoi aus Aleppo wurde mit einer Stimmung voller Schmerz und Wut empfangen. Die Menschen riefen „Bijî Berxwedana Şêxmeqsûd, Bijî Berxwedana Eşrefiye!“ (Hoch lebe der Widerstand in Scheich Maksud und Aschrafia). Sie sangen: „Berxwedan Jiyan e!“ (Widerstand ist Leben). Sie schwenkten Fahnen und, trotz der Tränen in den Augen, des Schmerzes, den jeder Krieg bringt, steht eines für sie fest: nur ein widerständiges Leben kann Frieden bringen. Auch nach acht Jahren Besatzung Afrins sind die Menschen fest entschlossen zurückzukehren. „Alle sagen, die Milizen haben Afrin eingenommen, die Bäume gefällt, sie töten, besetzen und zerstören alles. Aber wir wollen auf unser Land zurückkehren. Wir werden Afrin wieder grün machen, so wie es vorher war. Wir Frauen haben diesen Glauben.“ So beendet eine der Frauen das Gespräch. Eine andere fügt hinzu: „Ich sage, wenn ich nach Afrin zurückkehre, werde ich auf die Spitze eines Berges gehen, ein Lehmhaus bauen und dort leben. Wir werden uns selbst versorgen. Wir werden zu unserer Kultur und Lebensweise zurückkehren, so dass wir die Jahre, die wir Afrin verlassen mussten, hinter uns lassen können.“ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Maria Blauwig, Nord-/Ost-Syrien, 15. Januar 2026 Leitartikel

graswurzel.net

#GWR506 „Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht“ Robert Krieg im Gespräch mit der kurdischen Filmemacherin Sevînaz Evdikê über die Situation von Frauen in Rojava und das islamistische Regime in Damaskus https://www.graswurzel.net/gwr/2026/01/die-loesung-ist-die-dezentralisierung-der-macht/

„Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht“

Sevînaz Evdikê (*1992 in Serêkaniyê, Rojava) hat in Nordkurdistan Film studiert. Sie war Mitbegründerin der Komîna Fîlma a Rojava, einem Filmkollektiv aus dem Westen Kurdistans. Die Filmemacherin war an vielen der Kollektivprojekte beteiligt und engagiert sich für die Darstellung der kurdischen Kultur und weiblichen Perspektiven im Film. Bekannt wurde sie durch die Filme „Home“ (2018) und „The Return: Life After ISIS“ (2021), die einen Fokus auf das Leben und die Erfahrungen von Frauen in den selbstverwalteten kurdischen Gebieten Syriens legen. Ihr Film „The Wedding Parade“ (2023) drückt Hoffnung inmitten von Krieg und Vertreibung aus. Aktuell arbeitet sie als Dozentin für Film an der Kunstakademie für Frauen in Hesekê. Im Rahmen des Kurdischen Filmfestival in Rojava im November 2025 bot sich GWR-Autor Robert Krieg die Gelegenheit zum Interview. (GWR-Red.) **Robert Krieg: Du hast mir gesagt, dass das Projekt Rojava nicht nur von außen, sondern auch von innen bedroht ist. Wirtschaftliche Interessen dominieren zunehmend das gesellschaftliche Leben und den gesellschaftlichen Diskurs. Kannst du diesen Prozess etwas näher beschreiben?** **Sevînaz Evdikê:** Das soziale Leben in Rojava basiert auf dem geselligen Beisammensein der Menschen und ihrer gegenseitigen Hilfe. Ich kenne viele Familien wie meine eigene, die in Armut lebte, aber wir hatten nie Probleme, uns zu ernähren. Wir hatten Nachbarn, die uns alle unterstützten. Aber jetzt hat sich die Situation aufgrund vieler Umstände stark verändert. Durch den Krieg ist die soziale Struktur zunehmend zerbrochen, und wir leben nicht mehr in unseren Herkunftsstädten. Ein großer Teil der Bevölkerung Rojavas ist vertrieben worden. Sie lebt nicht mehr in ihrer eigenen Community, und die soziale Unterstützung von früher existiert nicht mehr. Es gibt sie zwar noch, aber man muss seine Gemeinschaft neu aufbauen. Das ist etwas, was sich geändert hat, und wirtschaftlich haben die Menschen als Vertriebene zu kämpfen. Nach all den Bombardierungen 2023 spricht man nicht mehr über die Zerstörung der Infrastruktur, der Gas- und Ölversorgung, der Elektrizitätswerke. Aber sie hatte enorme Auswirkungen auf die Menschen in Rojava. Jetzt gibt es überhaupt keinen Strom mehr, es fehlt an Diesel, um im Winter für Wärme zu sorgen. Viele Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren, weil viele Einrichtungen zerstört wurden. Hinzu kommen die Handelsbeschränkungen, die die USA gegen Syrien verhängt hatten. Ende 2023 wurde alles sehr teuer. Das Embargo hat dazu wesentlich beigetragen. Das Gehalt eines Arbeitnehmers reicht nicht aus. Die Menschen müssen zwei oder drei Jobs ausüben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Existenz vieler Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Rojava unser Sozialleben zerstört. Sie zahlen ihren Mitarbeiter und Mitarbeiter:innen mehr als 1000 Dollar, während die Mitarbeiter:innen der Selbstverwaltung weniger als 110 Dollar im Monat verdienen. Es gibt Geschäfte, in denen man 30, 40 Dollar für ein T-Shirt bezahlt, weil die Mitarbeiter der NGOs dort einkaufen. All dies bringt die Menschen in große Schwierigkeiten. Früher waren die Menschen bereit, Rojava zu verteidigen, aber jetzt kämpfen sie um ihr persönliches Überleben, es geht nicht mehr nur um die Bombardierungen. Wir verteidigen Rojava, aber es gibt so viele Probleme im Inneren, für die man eine Lösung finden muss. **Robert: Kann man sagen, dass das einen Einfluss darauf hat, dass die Menschen nicht mehr so sehr für die Revolution kämpfen wie früher? Dass sie viel mehr daran interessiert sind, private Dinge zu tun, um ihr wirtschaftliches Auskommen zu sichern?** **Sevînaz** : Ja, genau so ist es. Jetzt kämpfen die Menschen um ihr tägliches Überleben. Eine Familie mit Kindern kann nicht jeden Tag etwas für die größere Sache, für unsere Revolution, tun. Die Menschen müssen für ihre eigene Familie sorgen, was zu einem enormen Kampf wird. Im Jahr 2024 griff die türkische Armee den Tişrîn-Damm an. (1) Jeden Tag, wenn ich nach Heseke fuhr, sah ich an der Kreuzung am Rande der Stadt Hunderte von Menschen, die auf dem Weg dorthin waren, obwohl es sehr gefährlich war, weil die türkische Armee weiter bombardierte und keinen Unterschied zwischen Zivilist:innen und Kämpfer:innen machte. Sie töteten einfach Menschen. Aber die Menschen gingen dorthin. Viele unserer Freundinnen und Freunde gingen dorthin, und wir verloren viele von ihnen, sogar Künstler:innen. Ich würde also nicht sagen, dass die Menschen nicht bereit sind, Rojava zu verteidigen. Aber in Zeiten ohne Angriffe kämpfen die Menschen in ihrem Privatleben um ihre wirtschaftliche Existenz. > _**Das soziale Leben in Rojava basiert auf dem geselligen Beisammensein der Menschen und ihrer gegenseitigen Hilfe**_ **Robert: Die wirtschaftlichen Bedingungen, insbesondere im Alltag von Künstler:innen, wie wirkt sich das auf die Kreativität, auf die Ästhetik, den filmischen Erzählstil der kurdischen Filmemacher:innen aus?** **Sevînaz** : Ich habe keine allgemeingültige Antwort auf diese Frage. Ich kann nur von meinen persönlichen Erfahrungen berichten. **Robert: Ja, bitte.** **Sevînaz** : In meinem Leben gibt es zwei Dinge, die mir am wichtigsten sind. Ich könnte sehr erfolgreich sein, wenn ich sie miteinander verbinden könnte. Das eine ist das Kino, das andere die Revolution, um Rojava aufzubauen. Ich sage immer, wenn ich diese beiden Dinge in meinem Leben vereinen könnte, würde ich sagen, dass ich ein erfülltes Leben als Künstlerin und als Mensch aus Rojava geführt habe. Ich habe das in den letzten zehn Jahren seit 2015 versucht. Jetzt unterrichte ich an der Akademie 25 Studentinnen. Ich denke, ich kann immer noch etwas (zum Kino) beitragen, aber meine persönliche Erfahrung als Filmemacherin zeigt, dass es sehr anstrengend ist, da ich drei verschiedene Aufgaben gleichzeitig bewältigen muss. Zwei davon betreffen die Revolution im künstlerischen Bereich, die Förderung und Ausbildung von Künstlerinnen, aber die dritte ist rein wirtschaftlicher Natur. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Und im Moment kann ich nichts Kreatives erschaffen. Ich leiste zwar meinen Beitrag zum kreativen Leben in Rojava, aber persönlich schaffe ich nichts. Das macht mich traurig, aber ich denke, das ist eine Phase, die immer wieder vorkommt. Man muss eben das tun, was gerade nötig ist. **Robert: Die kurdischen Filme auf dem Festival werden, soweit ich das beurteilen kann, von Geschichten über militärische Kämpfe dominiert. Ich denke, das beeinflusst und beschränkt die Sicht auf die gesellschaftliche Entwicklung. Gesellschaftliche Entwicklung ist viel vielfältiger, sie besteht nicht nur aus Kampfhandlungen.** **Sevînaz** : Genau. **Robert: Ich spüre darin die Gefahr einer Militarisierung der Gesellschaft. Ich denke, das steht im Widerspruch zum Aufbau einer grundlegenden demokratischen Gesellschaft mit friedlichen Mitteln. Vielleicht kannst du dazu etwas sagen.** **Sevînaz** : Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Genau deshalb ist es wichtig, junge Menschen darin zu schulen, sich so auszudrücken, wie sie es möchten. All diese Filme, die sich mit dem Militär und dem bewaffneten Kampf befassen, gehen darauf zurück, dass man die Verantwortung hat, über die Ereignisse hier zu berichten. Und leider drehte sich unser Leben zumindest in den letzten zehn Jahren ausschließlich um die militärische Verteidigung von Rojava. Ich denke, was fehlt, sind Filme über die soziale Struktur, den Wiederaufbau des sozialen Lebens und die Fokussierung darauf. Es geht jetzt darum, dafür mehr Möglichkeiten zu schaffen. Denn es gibt Menschen, die gern mehr über soziale Strukturen und ihren Aufbau informieren würden. Die derzeitigen Möglichkeiten beschränken sich darauf, über Rojavas Selbstverteidigung zu berichten. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft genügend Möglichkeiten für Menschen haben werden, sich auszudrücken – in Experimentalfilmen, in Filmen, die die sozialen Strukturen thematisieren, in Filmen, die auch kritisch mit unseren eigenen Problemen umgehen. Doch momentan sind unsere Möglichkeiten sehr begrenzt, und das liegt an dem Verantwortungsgefühl, über die aktuellen Geschehnisse in Rojava sprechen zu müssen. **Robert: Auf dem Festival laufen viele Filme über Frauen, aber nur wenige haben Regie geführt. Woran liegt das? Rojava kämpft für die Gleichberechtigung der Frauen. Könnte eine Quote helfen?** **Sevînaz** : Ich glaube nicht, dass das das Problem ist. Vielleicht ändert sich das in Zukunft, ähnlich wie das gesellschaftliche Leben. Im wörtlichen Sinn ist man künstlerisch gleichberechtigt. Aber die gesellschaftliche Situation von Frauen hier ist wirklich schwierig. Es ist ein Kampf, der leider schon seit über zehn Jahren andauert. Es ist nicht so, dass wir einfach entscheiden und das Kunstleben hier gemeinsam gestalten. Wir haben unsere eigenen Institutionen als Frauen. Ich gehöre einer reinen Fraueninstitution an. Und wir versuchen, etwas zu schaffen. Aber es gab viele Männer, die sofort nach Beginn der Revolution loslegen konnten, während die Frauen erst einmal kämpfen mussten, um überhaupt rauszugehen, um zu lernen und dann erst einmal kreativ werden zu können. Deshalb sind wir etwas unterrepräsentiert, aber hoffentlich ändert sich das in Zukunft. Wir haben dazu eine Statistik erstellt. In Frauenkollektiven haben wir die Anzahl der Frauen erfasst, die in Rojava an Filmen mitwirken. Und es gibt mehr Frauen als Männer, die im Filmbereich tätig sind. In allen Bereichen. Als Schauspielerinnen, hinter der Kamera und als Produktionsassistentinnen, insbesondere in Produktionsteams. Aber als Regisseurinnen sind wir unterrepräsentiert. Das liegt daran, dass die Männer, die in der Filmbranche begonnen haben, bereits ausgebildet waren und die Kamera bedienen konnten. Sie konnten früher Filme machen, auch wenn es noch wenig war. Wir hingegen mussten uns abmühen, überhaupt das Haus zu verlassen, Ausreden finden und dafür kämpfen, zwei Monate am Set zu sein. Es ist also nur eine Frage der Zeit, aber meiner Meinung nach keine Frage der Qualität. Denn die Qualität von Männern und Frauen ist gleich, insbesondere im Filmbereich. Das ist meine eigene Erfahrung. **Robert: Du arbeitest als Dozentin an der kürzlich gegründeten Kunstakademie für Frauen in Hesekê. Es gibt aber auch eine kürzlich gegründete Kunstakademie in Derik. Was ist der Unterschied? Warum ist es Dir wichtig, an dieser Kunstakademie für Frauen zu arbeiten und generell eine solche Kunstakademie speziell für Frauen zu gründen?** **Sevînaz** : Aus meiner eigenen Erfahrung und der vieler Frauen hier, die im Kunstbereich arbeiten, weiß ich, dass wir zwar in jeder Institution ein System der Koexistenz und unsere eigenen Entscheidungsprozesse haben. Wir haben aber mit Männern zusammengearbeitet, die – ich würde sagen – seit Jahrhunderten dachten, sie seien die Anführer. Es war sehr schwierig, ein Gleichgewicht zu finden zwischen einem Mann, der sich als Anführer sieht, kreativ ist und versucht, sich im Zuge der Revolution zu verändern, aber es eigentlich nicht wirklich versucht, weil er bereits die bessere Position hat. Es ging darum, ein Gleichgewicht zwischen solch einem Mann und den unerfahrenen Frauen zu finden, deren allergrößter Traum es sein würde, ein Universitätsstudium abzuschließen und einen Angestellten-Job zu finden, ohne an irgendeinem kreativen Leben teilzuhaben. Obwohl das System also nach dem Prinzip der Gleichberechtigung geschaffen wurde, war die Situation von Männern und Frauen alles andere als gleichberechtigt. Deshalb dachten wir, wir schaffen einen Raum nur für Frauen, in dem sie sich frei, authentisch und wohlfühlen können. Die Frauen hier fühlen sich unter Männern nicht wirklich wohl. An unserer Akademie können sie beginnen, sich frei ausdrücken. Und genau aus diesem Grund wurde diese Institution gegründet. Von der Frauenbewegung, die sich seit jeher dafür einsetzt, dass Frauen ihren eigenen Weg gehen und ihren eigenen Raum haben. Auch wenn sie mit Männern gleichberechtigt zusammen arbeiten. Das System ist so eingerichtet, dass es ihre Rechte respektiert. Trotzdem brauchen sie ihren eigenen Raum, und ich sehe bereits die Ergebnisse. Die Frauen an unserer Akademie sind jetzt sehr unabhängig und stark; sie sagen, was sie denken. Das habe ich in all den Jahren, in denen ich in den Institutionen von Rojava gearbeitet habe, trotz der Revolution nicht erlebt. **Robert: Meine nächste Frage ist viel allgemeiner. Es gibt eine neue Regierung in Damaskus, und ich denke, sie bedroht alle Errungenschaften der Frauenrevolution hier in Rojava. Wie kann man sie verteidigen? Was ist der richtige Weg? Meine Idee war immer die Einführung eines föderalen Systems. Ich weiß nicht, wie Du darüber denkst, was ein guter Weg sein könnte, um die Frauenrevolution in Rojava so fortzusetzen, wie Ihr es bisher getan habt.** **Sevînaz** : Die neue Regierung in Damaskus ist furchterregend, ein Grauen. Wir haben Videos, die zeigen, wie diese neuen Machthaber in Damaskus Zivilist:innen in Kobanê und Rakka töten und Frauen abschlachten. Es ist schwer, sich ein Zusammenleben mit ihnen vorzustellen, obwohl unser System der autonomen Verwaltung ja gerade auf Koexistenz besteht. Dafür haben wir all die Jahre gekämpft. Ich persönlich kann mir ein Zusammenleben mit der neuen Macht in Damaskus nicht vorstellen. Für uns steht immer die Dezentralisierung der Regierung im Vordergrund. Denn es geht nicht nur um die Selbstverwaltung. Es gibt außerdem die Alawiten im Land, die verängstigt sind, die alawitischen Frauen, die immer für ihre Offenheit und ihren freien Willen bekannt waren. Ich habe Kontakt mit ihnen und weiß, wie verängstigt sie sind. Sie weigern sich, ihre Häuser zu verlassen. Und dann sind da noch die Drusen im Süden. Es geht nicht nur um die Selbstverwaltung, die in den letzten zehn Jahren daran gearbeitet hat, eine Form der Koexistenz zu entwickeln. Sowohl zwischen allen ethnischen Gruppen, als auch zwischen Männern und Frauen. Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht. Es gibt keinen anderen Weg. Vor allem jetzt werden neue Regeln eingeführt, und für mich sind sie zuallererst gegen Frauen gerichtet. Ich kann mir nicht vorstellen, in solch einem Land zu leben. Deshalb hoffe ich, dass wir eine dezentralisierte Regierung bekommen werden. Ich weiß nicht, wie genau, aber ich wünsche mir einfach, dass wir das Recht haben, selbst über uns zu entscheiden. **Robert: Vielleicht kannst du noch etwas Positives, Hoffnungsvolles für die Zukunft hinzufügen?** **Sevînaz** : Weißt du, ich komme aus Rojava, ich bin hier aufgewachsen, es ist mein Land, und ich kann mir nicht vorstellen, woanders auf der Welt zu leben. Ich fühle mich mit meiner Familie und meiner Gemeinschaft sehr verbunden. Gemeinschaft im Sinne von den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, aber auch Gemeinschaft im Sinne der Menschen, mit denen ich das kreative Leben in Rojava geteilt habe. Es wäre nicht möglich gewesen, all das zu tun, was ich jetzt tue, wenn ich nicht aus einer so aufgeschlossenen Familie käme. Es gibt so viele kleine Dinge, für die ich jeden Tag dankbar bin. Und das sehe ich jeden Tag in den Augen vieler Frauen und Menschen, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich wünsche mir sehr, dass das so weitergeht, dass wir Erfolg haben, besser werden, wachsen und sogar die bestehenden Programme verbessern. (1) Türkische Drohnen bombardierten ab dem 10. Dezember 2024 den Tişrîn-Damm am Euphrat, der unbeschädigt und wenn es die Wasserblockade der Türkei nicht gäbe, große Teile der Region Nord- und Ostsyrien mit Strom versorgen kann. Hunderte Menschen aus Nord- und Ostsyrien fuhren zum Staudamm, um gegen die Bombardierung zu protestieren und ihn gemeinsam unter Einsatz ihres Lebens zu schützen. Unter den Schwerverletzten gab es die Menschenrechts- und Klimaaktivistin Lea Bunse aus Baden-Württemberg und den Physiotherapeuten und humanitären Helfer Jakob Rihn aus Brandenburg. Dr. phil. Robert Krieg ist Filmemacher und Soziologe. Im November 2025 erschien in der GWR 503 sein Interview mit der italienischen Sozialistin Luciana Castellina: „Wer Krieg führt, wird immer von imperialen Interessen genährt“. Für seinen aktuellen Dokumentarfilm „Tevî her tiştî – Trotz alledem“ (2025) ist er in den Norden Syriens gereist und hat Frauen in ihrem Alltag begleitet. Inmitten des bewaffneten Konflikts gestalten die Frauen dort ihre eigene Zukunft: selbstverwaltet, solidarisch, gleichberechtigt – jenseits von Fremd- bestimmung und Unterdrückung. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel

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#GWR506 Geborgenheit und Frauenpower Ein Interview mit Helga, Katja und Clara Tempel über generationsübergreifende Solidarität, Utopien und Gewaltfreien Widerstand https://www.graswurzel.net/gwr/2026/01/geborgenheit-und-frauenpower/

Geborgenheit und Frauenpower

„Geborgenheit spielt eine wichtige Rolle in emanzipatorischen sozialen Bewegungen und trägt dazu bei, dass Menschen langfristig aktiv und widerständig sein können“, schreibt Clara Tempel in ihrem im Oktober 2025 im Verlag Graswurzelrevolution erschienenen Buch „Politische Geborgenheit. vor*ankommen in sozialen Bewegungen“ (1). Die Autorin wurde 1995 in eine anarchistisch-widerständige Familie im Wendland geboren und ist mit der Anti-Atomkraft-Sonne aufgewachsen. Die Hebamme und Sozialpädagogin Katja Tempel (* 1963) ist Claras Mutter und seit den 1980er Jahren aktiv in der Graswurzelbewegung. Neben X-tausendmal quer hat sie büchel65 und gorleben365 mitinitiiert. Momentan koordiniert sie das Seenotrettungsprojekt CompassCollective (2) im Mittelmeer. Die Pädagogin und Pazifistin Helga Tempel (* 1932) ist Katjas Mutter und Claras Oma. Sie ist als gewaltfreie Aktivistin eine prägende Person der Ostermarsch- und Friedensbewegung und seit 1962 mit Konrad Tempel verheiratet. (GWR-Red.) **Graswurzelrevolution (GWR): Liebe Helga, liebe Katja, liebe Clara. Ihr alle seid ein Leben lang aktiv in den Sozialen Bewegungen. Was waren prägende Erlebnisse, die Euch inspiriert haben?** Katja Tempel: Es gab für mich gar kein prägendes Ereignis. Es war die Stimmung in der ich aufgewachsen bin. Es gehörte so alltäglich mit zu meinem Lebensalltag als Jugendliche in unserem Elternhaus. Nachdem ich mich schon längst für Gewaltfreien Widerstand entschieden hatte und an Blockaden beteiligt war, war ein einschneidendes Erlebnis der Beschuss aus Wasserwerfern. Bei einer Blockade eines Atomwaffenlagers wurden diese mit Hochdruck gegen uns eingesetzt. Ich bekam den vollen Strahl gegen meinen oberen Rücken, so dass ich nicht mehr atmen konnte. In diesem Moment hätte ich mich für Wut und Aggression gegen die Aggressoren entscheiden können, aber beides kam nicht. Stattdessen eine tiefe innere Ruhe, dass das genau so sein soll. Das die Polizei sich total deligitimiert, wenn sie gegen Menschen, die einfach nur auf der Straße hocken, so gewaltsam vorgeht. Eine Idee von: Das ist richtig, was du machst. Du bist am richtigen Ort. Das, was ich später als Ahimsa kennengelernt habe, als ich die Bewegung in Indien vor Ort studierte, war deutlich spürbar. Eine transformierende Kraft, die den Gegner mit hineinnimmt in die Idee einer Gesellschaft, die sich auch transformieren kann – zusammen mit allen, die jetzt noch Gewalt anwenden, aber später auf unserer Seite sitzen werden. Clara Tempel: Für mich war das Aufwachsen im Wendland prägend. Ich bin in den Widerstand gegen die Atommülltransporte hineingewachsen und habe von Anfang an gelernt, wie wichtig es ist, sich einzumischen. Aber auch, dass es manchmal einen langen Atem braucht, bis der Erfolg einer Sozialen Bewegung sichtbar wird. Der Atomausstieg 2023 war ein sehr besonderer Moment, in dem deutlich geworden ist, welche Kraft unsere politische Arbeit entfalten kann. Helga Tempel: Ich habe den Zweiten Weltkrieg in meiner Kindheit hautnah erlebt, die Nächte im Luftschutzkeller, die Angst um meine Eltern in Hamburg, während ich in der Kinderlandverschickung war, einige Bombennächte beim „Heimaturlaub“ in Hamburg und kurz vor Kriegsende dann direkten Tieffliegerbeschuss bei Aufenthalten im Freien. Ich war entschlossen, alles zu versuchen, dass andere Menschen so etwas nie erleben müssen. Schon bei sehr frühen Protestaktionen spürte ich, dass es mir gut tat, zusammen mit anderen aktiv zu sein und mich für den Frieden auf verschiedenen Ebenen einzusetzen. **GWR: Helga, 1960 hast Du zusammen mit Konrad und anderen antimilitaristischen Aktivist*innen die Ostermarschbewegung mit ins Leben gerufen. Wie kam es dazu? Was hat Dich motiviert? Wie blickst Du heute auf die Friedens- und Ostermarschbewegungen?** Helga: Ich war als Heranwachsende sehr beeinträchtigt vom Kriegsgeschehen meiner Kindheit und von dem, was ich unter dem Faschismus selbst erlebt hatte und vor allem aber später erfuhr. In mir wuchs die Gewissheit: So etwas darf sich nie wiederholen. Seit 1954 engagierte ich mich gemeinsam mit Konrad, meinen Partner und späteren Ehemann, für Kriegsdienstverweigerung und Alternativen zur Gewalt, auch in internationalem Rahmen. Wir haben die ersten deutschen Kriegsdienstverweigerer bei ihren sog. „Gewissensprüfungen“ vertreten. Die Nachricht von Atomwaffen, die bei Bergen in der Nordheide, also ganz nahe am ehemaligen KZ Bergen-Belsen, gelagert seien, um ihren Einsatz zu üben, machte uns wütend und brachte uns auf die Idee eines norddeutschen Sternmarsches zu dieser „Stätte der Vernichtung“. So organisierten wir 1960 den ersten viertägigen „Ostermarsch gegen Atomwaffen in Ost und West“ mit vier Marschsäulen aus Hamburg, Bremen, Hannover und Braunschweig. Dass sich zur Abschlusskundgebung in Bergen-Hohne dann mehr als 1000 Menschen versammelten – eine für die damalige Zeit sehr hohe Zahl – hatten wir nicht erwartet. Anfangs waren wir bei allen folgenden Ostermärschen dabei und arbeiteten aktiv im bundesweiten Zentralen Ausschuss mit. Später dann konzentrierten wir uns stärker auf die Arbeit für zivilen Widerstand und Gewaltfreiheit. Wir empfanden die späteren Folgeveranstaltungen insgesamt durch die zeitlich begrenzte Form eher als einen „Osterspaziergang“; die breite Palette der Forderungen – auch wenn wir diese eigentlich unterstützten – schwächte unseres Erachtens die ehemalige Stoßkraft mit der Fokussierung auf atomare Waffen beider Seiten. Die heutige Friedensbewegung, wenn es sie denn in dieser klaren Form wie etwa in den achtziger Jahren überhaupt noch gibt, enttäuscht mich eher. So sehr ich die vielfachen Ansätze von „Sicherheit neu denken“ bis zur Versöhnungsarbeit im Blick habe und zu schätzen weiß: Ich wünschte mir mehr kraftvolle Proteste mit deutlicherem Engagement und langem Atem – und auch in überzeugender Größe. **GWR: Helga, Du wurdest als gewaltfreie Aktivistin Mitte der 1950er Jahre Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und warst engagiert in der Beratung für Kriegsdienstverweigerer. Wie blickst Du auf die momentanen Bestrebungen von Regierung und Rüstungslobby, massiv aufzurüsten und die seit 2011 ausgesetzte „Wehrpflicht“ wieder einzuführen?** Helga Tempel: Ich bin entsetzt über die gegenwärtige Entwicklung und hätte das so nicht erwartet. Wir waren doch eigentlich auf einem Weg in ein friedlicheres Zusammenleben, besonders auch in Europa, und dies trotz aller Probleme. Die eingeengte Blickrichtung auf Militär und Aufrüstung erbost mich. Sie ist so engstirnig und geschichtslos und gefährdet den Frieden massiv. Dazu gehört auch die Wehrpflicht, die ich als Ausbildung zum Töten verstehe. Es ist gut, dass sich gerade auch an dieser Stelle deutlich Widerstand regt, während insgesamt die Militarisierung dank der konzertierten Aktionen von Politik und Medien weitgehend akzeptiert wird. Ich vermisse hier deutlich eine breite Diskussion von gewaltfreien Gegenbildern. **GWR: Katja, Du bist seit Jahrzehnten im Gorleben-Widerstand aktiv und hast viele Gewaltfreie Aktionen zum Beispiel vor dem Atomwaffenstützpunkt Büchel mit-organisiert. Wo liegen deine momentanen Arbeits- und Aktionsschwerpunkte?** Katja Tempel: Leider bin ich seit drei Jahren sehr eingebunden in unser 2022 gegründetes aktivistisches Seenotrettungsprojekt. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich die Augen vor allen anderen Brennpunkten verschließen, in denen ich mich liebend gerne einmischen würde. Im Moment ist das insbesondere die zunehmende Militarisierung der staatlichen und zivilen Strukturen und Organisationszusammenhänge. Die neue Wehrpflicht, das Werben für den Krieg, der Rüstungsetat, Rüstungsproduktion und insbesondere die Vereinnahmung des Gesundheitswesens für militärische Planungen fordern von mir störende Aktionen Zivilen Ungehorsams. Rheinmetall produziert fast direkt vor meiner Haustür in Unterlüß Panzer am Fließband und ich sitze in Sizilien und bereite eine neue Crew auf ihren Einsatz im Mittelmeer vor. Das zerreißt mich. Gleichzeitig weiß ich, dass wir in der Bewegung arbeitsteilig arbeiten müssen. Aber wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt das sich Verweigern? Das etwas Riskieren gegen Aufrüstung, Krieg und Unterdrückung von Menschen. Mein Platz wäre auch auf der Straße gewesen mit Palli-Tuch, um für jede in Deutschland zusammengeprügelte Aktivist:in zu zeigen: Alle Menschen haben die selben Rechte. Sie sind frei geboren. Egal ob sie einen israelischen Pass oder keinen haben. Aber ich versuche meinen Frieden damit zu machen, dass meine Kräfte begrenzt sind und es auch eine Zeit nach der Seenotrettung geben wird. **GWR: Könnt Ihr etwas über das CompassCollective erzählen? Wie können die GWR-Leser*innen die Arbeit des CompassCollectives unterstützen?** Katja: Das CompassCollective (3) ist mit einem 13 Meter langen Segelboot seit August 2023 in bisher 21 drei- bis vierwöchigen Einsätzen auf dem Mittelmeer unterwegs, um Menschen auf der Flucht nach Europa zu unterstützen und sie vor dem Ertrinken zu bewahren. Unsere Arbeit besteht darin, nach dem Auffinden eines seeuntüchtigen Fluchtboots die staatlichen Rettungsstrukturen aus Lampedusa (Italien) dazu zu bringen, die Menschen zu retten. So lange wir alleine vor Ort sind, verteilen wir Rettungswesten, Trinkwasser, manchmal Rettungsdecken gegen die gleißende Sonne und versorgen kleinere Verletzungen. Jede Stunde erhöhen wir den Druck auf die italienische Küstenwache, rauszufahren. Das kann manchmal mehr als zwölf Stunden dauern. Wenn aber die Verhältnisse auf dem Wasser kritischer werden, entscheiden wir uns, die Menschen direkt an Bord der TROTAMAR III aufzunehmen. Eigentlich sind wir kein Rettungsboot im Sinne der Anforderungen an professionelle Seenotrettung, aber wir sind ein Boot, das rettet. Unsere Crew versorgt dann die Menschen mit Tee, einer einfachen Mahlzeit und bietet medizinische Hilfe an, bis wir Lampedusa als Sicheren Hafen zugewiesen bekommen und die Menschen dann an staatliche Strukturen übergeben. Leider ist es so, dass das Spendenaufkommen sich stark auf die großen zivilen Seenotrettungsorganisationen konzen-triert und wir kleineren Projekte immer wieder Schwierigkeiten haben, genügend finanzielle Mittel aufzutreiben. Insofern suchen wir einerseits nach Menschen, die uns punktuell mit einer größeren Geldsumme Rückenwind geben, aber auch nach Förder:innen, die monatlich einen Betrag verbindlich zur Verfügung stellen. Clara: Für mich ist das Besondere am CompassCollective, dass die Crews sich überwiegend aus Menschen zusammensetzen, die keine oder noch nicht viel Seenotrettungserfahrung haben. Da sind dann Professorinnen, ehemalige Soldaten, Studierende, chronisch kranke Frührentner*innen oder Kunstschaffende dabei. Sie bringen alle ihre ganz eigene Motivation aus ihrem Alltag für die Arbeit auf dem Mittelmeer mit und tragen ihre Erfahrungen dann auch wieder zurück. Dadurch sind wir auf dem Wasser keine hochprofessionalisierten, supercoolen Seenotretter*innen. Wir sind Menschen, die sich für den Einsatz drei Wochen Urlaub nehmen, weil sie nicht mit ansehen können, was an den Rändern Europas passiert. Genauso sind wir aber auch angewiesen, auf Menschen, die sich nicht vorstellen können, mit in den Einsatz zu fahren, sondern unsere Arbeit finanziell zu unterstützen. > _**Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: „Die da oben machen doch, was sie wollen“ nicht mehr so häufig zu hören ist.**_ **GWR: Was bedeuten für Euch Selbstorganisation, Solidarität und ziviler Ungehorsam?** Clara Tempel: Ziviler Ungehorsam ist für mich das bewusste Übertreten von Gesetzen, um auf ein größeres Unrecht aufmerksam zu machen oder es zu verhindern. Seit meiner Kindheit ist das eines der wichtigsten Konzepte, um das sich mein Leben dreht. Es kommt mir selber ein wenig seltsam vor, das so zu schreiben, aber die Beschäftigung mit Zivilem Ungehorsam war prägend für meinen ganzen dreißigjährigen Lebensweg. Zuerst aus aktivistischer Perspektive, dann aus wissenschaftlicher. Ich habe die Schwerpunkte Protest- und Bewegungsforschung studiert und eine Menge dazu gelesen, warum Ziviler Ungehorsam ein wichtiges Element demokratischer Gesellschaften ist. In den letzten Jahren habe ich allerdings auch gelernt, dass Ziviler Ungehorsam nicht das perfekte Mittel für jeden gesellschaftlichen Kontext ist. Ich glaube, dass es wichtig ist, immer wieder zu prüfen, welche Aktionsform für welche politische Situation angemessen und erfolgversprechend ist. Helga: Für mich sind das recht unterschiedliche Aspekte. Selbstorganisation heißt für mich, verantwortliches Handeln nach eigener Gewissensentscheidung. Die Ausführung muss dann gemeinsam mit anderen organisiert werden, ohne darauf zu warten, dass andere die Initiative ergreifen. Solidarität ist für mich ein wichtiges Wort, das leider heute etwas in den Hintergrund getreten ist. Sie ist für mich wichtiges Motiv zum Handeln aus dem Gefühl der Nähe zu den Benachteiligten, zu den Opfern. Ziviler Ungehorsam ist der Kern des gewaltfreien Widerstands. Henry David Thoreau hat es vor fast 200 Jahren so formuliert: Wenn der Staat den Boden des Rechts verlassen hat, wird Ziviler Ungehorsam zur Pflicht. Niemals leichtfertig, aber doch auch ohne größere Skrupel habe ich an verschiedenen Stellen, auch im beruflichen Bereich zivilen Ungehorsam gewagt. Dabei war ich als Lehrerin immer in Gefahr, wegen einer Verurteilung meinen Beruf, der mir so am Herzen lag, nicht weiter ausüben zu dürfen. So musste ich manche Aktion unmittelbar vor einer drohenden Festnahme abbrechen. Der Grundgedanke „Wehrt Euch, wo Unrecht geschieht“ ist mir aber bis heute unverzichtbar – und ich wünschte, mehr Menschen würden sich für einen solchen Weg des Widerstands entscheiden. Ich bin froh und dankbar, dass meine Tochter und meine Enkelin mir, wie auch Konrad, in diesem Punkt so nahe sind. Katja: Auch ich halte Zivilen Ungehorsam, wie Clara beschrieben hat, nicht für das Allheilmittel, aber für ein sehr wichtiges Instrument, um den Finger in die Wunde zu legen, das Unrecht zu einem begrenzten Zeitraum zum Stillstand zu bringen und später auch vor Gericht die Rechtsauslegung zu beeinflussen. Dieser Aspekt des ZU beißt sich immer ein wenig mit meinem Verständnis von Anarchismus. Aber Ambivalenzen in politischen Haltungen sind für mich gut auszuhalten, als lebendige gelebte Aktionspraxis. Selbstorganisation ist das, was ich mein Leben lang mit anderen praktiziere. Es bedeutet für mich, aktiv werden, mutig sein, etwas wagen. Auch wenn es eigentlich verrückt erscheint. Dass wir nach einem Treffen am Küchentisch im Dezember 2023 bei mir zuhause in Meußließen jetzt seit mehr als 2,5 Jahren mit dem Segelboot Menschen auf ihrem Weg unterstützen (2793 Menschen) und manchmal sogar retten (544 Menschen) ist eigentlich unvorstellbar. Aber es ist möglich. Mit viel Netzwerken, viel Zeit, viel Knowhow, viel Lernbereitschaft geht so vieles, das sollten wir uns immer wieder bewusstmachen. **GWR: Wie sieht Eure Utopie aus?** Helga: Meine Utopie wäre eine Gesellschaft, in der Selbstbestimmung und verantwortliche Teilhabe in einem ausgewogenen Verhältnis steht, eine Gesellschaft, in der Solidarität und Teilen der Ressourcen Vorrang hat vor Wettbewerb und egozentrischer Gier. Zwang und notfalls nicht-verletzende Gewalt sollte es nur unter breiter Kontrolle und nur zum Schutz von Schwachen und Randständigen geben. Meine utopische Gesellschaft versteht sich als Teil einer globalen werteorientierten Gemeinschaft, die bewusst auf Waffen und Militär verzichtet, um andere lebenswichtige Aufgaben angehen zu können. Sie bietet von der Allgemeinheit geschützten Raum für die verschiedenen Gruppen und achtet, ja, unterstützt die Unterschiedlichkeit auf verschiedenen Ebenen. Wir haben unsere drei Kinder erzogen mit dem Motto: Findet heraus, was für Euch wichtig und richtig ist. Daraus entstand bei zwei von ihnen der Wunsch, stärker auf der persönlichen Ebene tätig zu werden und anderen auf diesem Weg behilflich zu sein, auch unter Einbeziehung spiritueller Elemente, mit denen sie wiederum uns als Quäker*innen nahe sind. In ihrer grundlegenden Haltung entsprechen alle drei Kinder der von uns Eltern, aber eben bei zweien mit anderen Schwerpunkten und eher unpolitisch. Katja und Clara, die ja auch ihrem Vater folgte, haben sich für den politischen Weg entschieden, auch wenn sie an manchen Stellen andere Akzente setzen als ich. Katja: Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: „Die da oben machen doch, was sie wollen“ nicht mehr so häufig zu hören ist. Dass allen klar wird, wenn die Lebensbedingungen nicht für alle Menschen ausreichend sind, dann kann auch der Rest der Menschen kein erfülltes Leben leben. Satt reicht nicht, sondern es braucht „Brot und Rosen“, Raum zur individuellen und kollektiven Verwirklichung, zum Organisieren, zum Anpacken. Auf der Basis, dass alle Menschen einen sicheren Ort zum Leben haben, Zugang zu Wasser, Energie und Bildung und sich verbunden mit einer Gemeinschaft fühlen. Clara: Ich habe diese Frage schon so oft gestellt bekommen und ich habe immer noch keine gute Antwort darauf gefunden. Ich suche weiter… **GWR: Oft ist es ja so, dass Kinder von sozialen Bewe-gungsaktivist*innen eher unpolitisch sind oder politisch einen anderen Weg einschlagen als ihre Eltern. Bei Euch ist das anders. Wie erklärt Ihr euch das?** Clara: Für mich war der Aktivismus in meiner Kindheit ein leuchtender Raum der Geborgenheit. Ich wurde mit zwei Jahren bei Demos auf Schultern getragen, habe mit vier Jahren bei nächtlichen Krisentreffen auf Bannerstoff geschlafen, und habe mit fünfzehn meine Mathehausaufgaben in Blockaden gemacht. Ich habe das natürlich auch irgendwann hinterfragt und mir Gedanken darüber gemacht, ob das überhaupt mein eigener Weg ist. Dann habe ich mich aber sehr bewusst dafür entschieden und meinen eigenen Platz in den Bewegungen gesucht. Für mich persönlich war dabei entscheidend, dass ich das Gefühl habe, dass von meinen Eltern wenig Druck kam. Mein Vater hat immer gesagt: „Meine Töchter dürfen alles sein, was sie wollen. Auch Atomkraftwerk-betreiber*innen.“ Vielleicht war das wichtig. Aber bei uns in der Familie wird eigentlich ganz gut sichtbar, dass es unterschiedliche Wege geben kann. Auch, wenn bei uns viele Menschen politisch aktiv sind, sind wir (in jeder Generation) keine reine Aktivist*innenfa-milie. Das ist auch Teil unserer Geschichte: Dass es eben kein Automatismus ist, sich auf diese Art und Weise zu engagieren, nur weil man in so eine Familie hineinwächst. Katja: Genau, es gibt verschiedene Wege politisch aktiv zu sein. Clara hat einen ähnlichen Weg wie Helga, Konrad und ich gewählt. Aber es gibt ja noch tausend andere Möglichkeiten, die nicht weniger wertvoll sind, als das direkte Engagement auf der Straße, auf dem Wasser oder auf den (Gen-)Feldern. Und es gab und gibt auch immer wieder Aushandlungsprozesse, wie viel Raum politische Arbeit im Familienalltag einnehmen soll. Wie gehen wir damit um, wenn das Zuhause der Kinder auf einmal zum Ort einer Hausdurchsuchung wird? Wenn sich bei Strategietreffen die sachliche und die familiäre Ebene mischen, obwohl wir uns bemühen, das zu trennen? Wenn an Weihnachten die ganze Zeit das Handy klingelt, weil es Neuigkeiten vom Seenotrettungs-Segelboot auf dem Mittelmeer gibt? Das ist schön und schwer gleichzeitig. **GWR: Clara, in Deinem Buch „Politische Geborgenheit“ findet sich auf Seite 307 ein schönes Foto, das Dich 1996 mit Deinem Vater Jochen Stay(4) an der Schreibmaschine zeigt. Jochen war von 1990 bis 1995 Koordinationsredakteur der Graswurzelrevolution, ab 1996 langjähriger Sprecher der Initiative X-tausendmal quer und von 2008 bis zu seinem Tod 2022 Sprecher der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt. Er wäre sicher glücklich, zu sehen wie Du dich engagierst. Ich habe ihn nur als langjährigen GWR-Autor und Aktivisten erlebt. Wie war Jochen als Vater?** Clara: Er war in vielen Punkten der beste Vater, den ich mir vorstellen kann. Er hat mich getragen und getröstet. Ich durfte auf der Arbeitsplatte in der Küche sitzen, während er Pfannkuchen gemacht hat. Er war schon sehr früh interessiert an meiner Meinung und hat mich bei wichtigen politischen Entscheidungen um meinen Rat gefragt. Ich habe so unendlich viel von ihm gelernt. Wie man ein politisches Gelegenheitsfenster nutzt und wie man eine Mehlschwitze macht. Gleichzeitig war er – wie so viele andere Väter auch – oft ein abwesender Vater. Die politische Arbeit war immer so dringend, so laut, dass sie manchmal wichtiger erschien, als alles andere. Ich weiß, dass er immer wieder mit sich gerungen hat. So hat er sich zum Beispiel entschieden, im historischen Moment nach dem Super-GAU von Fukushima nicht zur (gefühlt) alles entscheidenden Menschenkette zu fahren, die er mit .ausgestrahlt organisiert hat und sich stattdessen um mich zu kümmern – denn ich lag krank im Bett. Für mich bleibt das eine offene Frage: Wie können wir politische Arbeit und Aktivismus in unserem Leben verankern und trotzdem präsent sein für die Menschen, mit denen wir dieses Leben teilen? **GWR: Clara, in Deinem Buch schreibst Du, dass Geborgenheit kritisch hinterfragt werden muss, „weil sie in Machtverhältnisse eingebettet ist und nicht selten auf Grenzziehungen und Ausschlüssen beruht“. Wie können wir das transformative Potenzial von Geborgenheit im Aktivismus stärken, ohne bestehende Machtverhältnisse zu reproduzieren?** Clara: Ich finde es wichtig, dass wir Geborgenheit nicht als etwas rein Privates verstehen, das vorm Kamin und unter Kuscheldecken stattfindet. Geborgenheit ist politisch! Wir können sie mitnehmen, zwischen die Polizeiketten, in die Kohlegruben und aufs Mittelmeer. Wir können unsere politischen Gruppen zu einem Zuhause machen. Dabei müssen wir aber aufpassen, dass wir uns nicht einen schönen, warmen, geborgenen Raum basteln, der dann jedoch für weniger privilegierte Menschen nicht zugänglich ist. Wir sollten uns immer wieder die Fragen stellen: Wer darf hinein, wer muss draußen bleiben? Wer hat welchen Zugang zu geborgenen Räumen? Wer übernimmt Verantwortung für die Herstellung von Geborgenheit? Außerdem kann Geborgenheit auch lähmen. Wenn wir viel Zeit damit verbringen, unsere politischen Gruppen zu Räumen der Geborgenheit zu machen, kann das auch dazu führen, dass wir die großen Probleme da draußen in der Welt unangetastet lassen. Deshalb denke ich, dass unser Ziel immer auch sein sollte, Geborgenheit auszuweiten und sie für viele Menschen erlebbar zu machen. Dafür sorgen, dass Menschen überall ein würdevolles Leben haben und gehen und bleiben dürfen, wenn sie wollen. Das sind die minimalen Voraussetzungen für Geborgenheit, und wir sollten dafür kämpfen, dass sie überall gegeben sind. Wir brauchen also Geborgenheiten, die politisches Handeln nicht verhindern, sondern ermöglichen. **GWR: Angesichts von Militarisierung, Rechtsruck, Klimawandel und Artensterben, welche Perspektiven für eine solidarische Gesellschaft jenseits von Patriarchat, Herrschaft und Gewalt seht Ihr? Was tun?** Helga: Diese Frage führt mich an meine Grenzen. Ich teile nicht die Hoffnung, dass die Abschaffung von nationalen Grenzen und bestehenden Regierungsformen wirklich möglich sind und zu einem positiven Wandel beitragen würden. Ich bekenne mich nicht zur Anarchie. Ich hoffe darauf, dass sich die demokratische Regierungsform von unten her aktiv gewaltfrei gestalten lässt durch mehr basisorientierte Strukturen (Räte??) und mitverantwortliche Teilhabe diverser gesellschaftlicher Gruppen. Ich vertraue also letztlich darauf, dass sich unser jetziges System mit all seinen Unvollkommenheiten und Gefährdungen transformieren ließe, wenn wir uns nur anderen Formen öffnen und entschieden massenhaft dafür eintreten würden. Ich sehe hier eine wichtige Aufgabe für Frauen in unserer Gesellschaft. Es gibt Ansätze für solche Art Transformation – aber sie sind zu wenig bekannt. Clara: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Abschaffung von Grenzen ein wichtiger Baustein für ein gutes Leben für alle ist. Genauso wie die Überwindung des Patriarchats, der Aufbau von gewaltfreien Strukturen und das Ende des fossilen Kapitalismus. Aber mir ist schon bewusst, dass das alles riesengroße, sperrige Konzepte sind, die im Alltag abstrakt erscheinen. Als Transformationsforscherin sehe ich unterschiedliche Strategien, um mit kleinen und großen Schritten auf einen Wandel hinzuarbeiten. Aus meiner Perspektive braucht es einerseits Brüche mit dem bisherigen System, die zum Beispiel durch Aktionen Zivilen Ungehorsams herbeigeführt werden können. Andererseits braucht es aber auch gelebte Alternativen, die in gesellschaftlichen Zwischenräumen vorbereitet und ausprobiert werden. Wenn soziale Bewegungen in der Lage sind, Brüche im ungerechten System zu produzieren, und die entstandenen Löcher mit den eingeübten alternativen Handlungsweisen aus den Nischen zu füllen, dann gibt es das Potenzial, dass der Wandel erfolgreich ist. Bin ich eine Träumerin, wenn ich daran glaube, dass das möglich ist? Ist mir egal, irgendwie müssen wir ja anfangen, weitermachen, in Bewegung bleiben. **GWR: Was fehlt Euch? Was möchtet Ihr den GWR-Leser*innen mit auf den Weg geben?** Helga: Ich denke, dass wir, die wir in Organisationen mitarbeiten, oft einen Tunnelblick entwickeln, der unsere eigenen Ansätze im Denken und Handeln absolut setzt und uns hindert, „über den Tellerrand“ zu blicken. Was wollen andere, die eigentlich mit uns in der Analyse der Situation übereinstimmen und „am selben Strang“ ziehen? Was meint „Sicherheit neu denken“, was will Soziale Verteidigung, wie steht Ihr zum Zivilen Friedensdienst (ZFD)? Wer nur die „reine Lehre“ will und Maximalforderungen absolut setzt, verpasst entscheidende Chancen. Warum nicht ganz neu über Sicherheit nachdenken, ohne gleich alles über Bord zu werfen, was oft zu Recht Anstoß erregt? Warum nicht das Bestehende gewaltfrei verteidigen, auch wenn das Gegenwärtige keineswegs allen unseren Idealen entspricht? Warum blicken manche kritisch auf zivile Konfliktbearbeitung mit solidarischer Begleitung von Fachkräften, nur weil der ZFD auch von staatlichen Stellen finanziert wird? Lasst uns in vielfältiger, achtungsvoller Zusammenarbeit, wenn auch auf verschiedenen Wegen, das gemeinsame Ziel ansteuern: eine möglichst herrschaftsfreie gewaltarme Politik in transparenten Strukturen und unter wirksamer Kontrolle von unten. (1) https://www.graswurzel.net/gwr/ produkt/politische-geborgenheit/ (2) Vgl.: BoatSpotting im Mittelmeer. Es ist keine Rettungsschlacht – Segeln gegen die Festung Europa, Artikel von Katja (CompassCollective), in: GWR 482, Oktober 2023, https://www.graswurzel.net/gwr/2023/10/boatspotting-im-mittelmeer/ (3) Kontakt/Infos: https://compass-collective.org/ (4) Siehe: Mensch, Vater, Anti-Atom-Aktivist, Autor, Anarchist. Ein Nachruf von Bernd Drücke auf den ehemaligen GWR-Redakteur Jochen Stay (22.8.1965 – 15.1.2022), in: GWR 467, März 2022, https://www.graswurzel.net/gwr/2022/02/mensch-vater-anti-atom-aktivist-autor-anarchist/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**

graswurzel.net

#GWR504 gegen das vergessen Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus Ein Gespräch mit dem deutsch-namibischen Politikwissenschaftler Henning Melber Interview: Bernd Drücke und Markus Beinhauer https://www.graswurzel.net/gwr/2025/12/der-lange-schatten-des-deutschen-kolonialismus-2/

Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus

Den meisten Menschen dürfte kaum bekannt sein, dass das Deutsche Kaiserreich von 1884 bis 1914 das viertgrößte überseeische Kolonialreich der Welt war. Henning Melbers Buch „Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus“ kann dazu beitragen, die Wissenslücken zu schließen. Es ist im Oktober 2025 in deutscher Übersetzung im Unrast Verlag erschienen. Der Politikwissenschaftler und Soziologe Dr. Henning Melber wurde 1950 in Stuttgart geboren. Als jugendlicher Auswanderer kam er mit Mutter und Bruder nach Südwestafrika/Namibia, wo er 1974 der Befreiungsbewegung SWAPO (South-West Africa People’s Organisation) beitrat. Nach der Unabhängigkeit leitete er ein politikberatendes Forschungsinstitut. Aus Enttäuschung über die Grenzen der Befreiung wechselte er 2000 nach Uppsala, wo er Forschungsdirektor des Nordic Africa Institute und Direktor der Dag Hammarskjöld Foundation war. Er ist außerordentlicher Professor an der Universität Pretoria und der Uni des Freistaats in Bloemfontein. Im Gespräch mit Bernd Drücke und Markus Beinhauer geht es um den deutschen Kolonialismus, Solidarität und Utopien jenseits von Herrschaft, Militarismus und Gewalt. Die 65minütige Radio-Graswurzelrevolution-Sendung, inklusive der ungewöhnlichen, von Henning Melber ausgesuchten und kommentierten Musik, wurde am 30. Oktober 2025 auf Antenne Münster gekürzt erstausgestrahlt und kann ungekürzt in der NRWision-Mediathek (1) gehört werden. Wir veröffentlichen Auszüge aus dem Gespräch in nahezu unverändertem Originaltext. (GWR-Red.) **Bernd Drücke: Gestern hast du dein neues Buch „Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus“ in Essen vorgestellt. Heute Abend stellst du es in der Volkshochschule Münster vor. Was kannst du uns zum Inhalt erzählen? Wie war deine gestrige Lesung und was erwartet uns heute Abend?** **Henning Melber:** Es ist formal betrachtet ein fachwissenschaftliches Buch, also 60 Seiten Anmerkungen und viele Literaturhinweise. Es ist, hinter dieser Fassade, ein sehr persönliches Buch, was ich auch vorab erkläre. Es ist meine Beschäftigung mit dem, was meine eigene Identität mitgeformt hat und von dem ich unterstelle, dass es subkutan in den Identitäten aller Deutschen vorhanden ist, auch wenn es nicht auf der Ebene des Bewusstseins stattfindet. Es ist kein geschichtliches Thema. Es ist ein Thema der Gegenwart und entsprechend sind die Inhalte. Sie fangen an mit einer Selbstreflexion, mit einem Bilanzieren der aktuellen Situation, gehen dann über auf die Gewaltgeschichte seit der Aufklärung, die in Völkermord gipfelte. Dabei betone ich auch, dass es kein eurozentrisches Gewaltmonopol geblieben ist, sondern Völkermord auch in anderen Teilen der Erde inzwischen stattfindet, wie also aus Unterdrückten Unterdrücker werden. Das geht dann in eine ausführlichere Beschreibung der deutschen Kolonien über, um dann zu schildern, wie der Kolonialismus im Deutschen Kaiserreich sich ausprägte, schon mit ausdrücklichem Verweis auf Afrikanerinnen und Afrikaner in Deutschland, die für mich immer zum Teil des Narrativs gehören. Dann leite ich über zur NS-Zeit und dem Kolonialismus. Danach geht es um die Bearbeitung beziehungsweise Verdrängung des deutschen Kolonialismus in den beiden deutschen Staaten DDR und Bundesrepublik. Danach dann, ab der 1990er Jahre, geht es um die zunehmende Sensibilisierung von Teilen der Gesellschaft dank postkolonialer Initiativen, dank neuerer kolonialhistorischer Forschungen, nicht zuletzt dank afro-deutscher Initiativen, um die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus in seiner Bedeutung auch für die Gegenwart in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Das wird dann anhand des Beispiels Deutschland und Namibia vertieft, wo im Moment ja die Verhandlungen über die Anerkennung des Völkermords seit 2015 immer noch laufen. Sie enden dann in einer aktuellen Bilanzierung, die ein Sowohl-als-auch abwägt, wir haben es nämlich vermocht, uns in den öffentlichen Diskurs einzubringen und werden konfrontiert mit einem Backlash, nämlich dieser rassistischen White Supremacy, die um sich haut im Moment. Ich versuche dann etwas zweckoptimistisch zu argumentieren. Wir haben etwas erreicht, denn wir haben diesen weißen Rassisten Angst gemacht, deswegen schlagen sie so um sich. Ich gebe zu, dass es etwas hilft, sich zu behaupten. Ob es dann wirklich stimmt, das müsste man noch abwarten, aber das ist so ungefähr die Quintessenz des Buches. Zu der deutschen Übersetzung, die nicht in meiner Sprache ist, eine interessante Erfahrung: Ich lese einen Text von mir in der Sprache eines Übersetzers, dessen intellektuelles Eigentum diese Übersetzung ist. Das ist nicht meine Sprache und ich habe darauf verzichtet, das abzugleichen. Ob ich das so oder anders formuliert hätte? In vielen Nuancen hätte ich es vermutlich anders formuliert. Ich habe zu diesem Buch noch ein aktuelles Kapitel auf dem Stand von August 2025 ergänzt, um auch jetzt die Entwicklungen in dieser neuen Koalitionsregierung nochmal aufzugreifen. Die Vorstellung gestern in Essen war ausverkauft. Die Buchhandlung Proust hatte Tickets angeboten. Die Buchhandlung war mit 50 bestuhlten Plätzen überfüllt, 20 Leute waren zugeschaltet. Es war, was die Engländer „preaching to the converted“ nennen. Zumindest hat sich niemand zu erkennen gegeben, der oder die völlig anderer Meinung wäre. Ein Schwerpunkt, was mir besonders gut gefallen hat, lag durch ein Co-Referat einer Wissenschaftlerin aus Hagen auf postkolonialen Initiativen im Ruhrgebiet, so dass auch Teile der Diskussion sich eigentlich damit beschäftigten: Wie geht man diesem Thema in der Region zu Leibe? Heute Abend mache ich es mit René Aguigah zusammen. Das ist schön. Mit ihm zusammen hatte ich schon in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin vor fast genau einem Jahr das 2024 erschienene englische Buch „The Long Shadow of German Colonialism. Amnesia, Denialism and Revisionism“ vorgestellt. Damals waren es über 100 Leute, die kamen. Ich bin gespannt, wie viele es heute Abend sein werden. [Anm. der GWR-Red.: Es kamen über 160 Teilnehmer*innen]. **Bernd: Ich freue mich auch auf die Musik, die du heute für uns ausgesucht hast. Was hören wir jetzt?** **Henning** : Als erstes eine kleine Provokation, zumindest war sie so gedacht, die aber einen sehr persönlichen Grund hat. Ich habe als Eröffnungslied, Zuhörerinnen und Hörer mögen staunen, Udo Jürgens gewählt, mit einem Lied von 1968, mit dem Titel „Ich glaube“. Das hat den folgenden Grund, dass Udo Jürgens 1969 in der Aula der Deutschen Höheren Privatschule in Windhoek zwei ausverkaufte Konzerte gegeben hat. Ich war damals in der Abiturklasse und konnte als Platzanweiser umsonst beide Konzerte hören. Udo Jürgens hat bei beiden Auftritten dieses Lied „Ich glaube“ gesungen, in dem eine Zeile vorkommt, die heißt: „Ich glaube, dass die Haut und ihre Farben den Wert nicht eines Menschen je bestimmt.“ In der Art, wie er es vortrug, wurde deutlich, dass er sich absolut bewusst war, dass er in einem Land der Apartheid diese Zeile vorträgt. An beiden Abenden gab es eine Person in der abgedunkelten Aula, die da spontan geklatscht hat. Das war für mich in beiderlei Hinsicht ein Beispiel von Zivilcourage, das mich seither sehr beeindruckt hat. Ich dachte, das sollte man auch denen zumuten, die vielleicht die Nase rümpfen bei dem Namen und sagen „bürgerlich liberal“. – Vielleicht, aber so what? Udo Jürgens hat bis zu seinem letzten Konzert „Ich glaube“ vorgetragen und ich zolle ihm dafür Respekt. **Bernd: Ja, dann hören wir mal rein.** „Ich glaube“ (Auszüge): „Ich glaube, dass der Acker, den wir pflügen // Nur eine kleine Weile uns gehört // Ich glaube nicht mehr an die alten Lügen // Er wär auch nur ein Menschenleben wert // Ich glaube, dass den Hungernden zu speisen // Ihm besser dient als noch so kluger Rat // Ich glaube, Mensch sein und es auch beweisen // Das ist viel nützlicher als jede Heldentat // Ich glaube, diese Welt müsste groß genug Weit genug, reich genug für uns alle sein // Ich glaube, dieses Leben ist schön genug Bunt genug, Grund genug sich daran zu erfreuen // Ich glaube, dass man die erst fragen müsste // Mit deren Blut und Geld man Kriege führt // Ich glaube, dass man nichts vom Krieg mehr wüsste // Wenn wer ihn will, ihn auch am meisten spürt // Ich glaube, dass die Haut und ihre Farben // Den Wert nicht eines Menschen je bestimmt // Ich glaube niemand brauchte mehr zu darben // Wenn auch der geben wird, der heut nur nimmt …“ **Bernd: Ja, das war jetzt tatsächlich Udo Jürgens, das erste Mal bei Radio Graswurzelrevolution!** **Henning** : Überraschung! **Bernd: Also, das hätte ich nicht gedacht, das war ja wirklich auch antimilitaristisch, das war antirassistisch. Ich bin positiv überrascht.** **Henning** : Das war der gewünschte Effekt. **Bernd: 1974 bist Du in Namibia Mitglied der SWAPO geworden. Du warst über 50 Jahre aktiv in dieser Befreiungsorganisation und bist im Sommer 2025 ausgetreten. Kannst Du ein bisschen zur Geschichte der SWAPO erzählen? Warum bist du Mitglied geworden? Und warum bist du ausgetreten?** **Henning** : Die SWAPO war die antikoloniale Befreiungsbewegung für Namibia. Die gründete sich 1960. In dem Jahr, als wir nach Namibia auswanderten, hatte die SWAPO den bewaffneten Befreiungskampf aufgenommen. Als ich mit der Schule zu Ende war in Windhoek, war für mich Namibia die Heimat geworden. Um in einer Heimat ein Bleiberecht zu haben, muss man etwas dafür tun. Das war, auf eine Kurzformel gebracht, das entscheidende Motiv dafür, dass ich 1974 der SWAPO beigetreten bin, um mir sozusagen ein Recht zu erwerben, in diesem Land eine Zukunft zu haben. „Der Krieg formt seine Leute.“ Das war auch schon ein Thema ab und zu in der Graswurzelrevolution, auch von mir, und es ist nicht nur positiv zu verstehen. Ein bewaffneter Befreiungskampf hat das Potenzial, aus Opfern Täter zu machen, oder macht sie eigentlich auch zu Tätern, wenn der Befreiungskampf erfolgreich sein will. In der SWAPO gipfelte das in Menschenrechtsverletzungen in den eigenen Reihen, die in den 1980er Jahren eskalierten, indem Tausende von SWAPO-Angehörigen im Exil inhaftiert wurden unter dem Verdacht und Vorwurf, für Südafrika zu spionieren. Unter Folter wurden Geständnisse abgepresst und andere belangt. Es gab nie eine auch nur halbwegs faire Güterabwägung, ob diese Vorwürfe zutreffend sind. Die meisten dieser Betroffenen waren einfache Flüchtlinge, wo man sagen würde: Was für ein Interesse hätte Südafrika an denen gehabt? Vermutlich waren die wirklichen Spione diejenigen, die Bestandteil waren dieser internen Repression. Das wurde mit der Unabhängigkeit bekannt und war für mich seither sehr belastend in meinem Bewusstsein, weil ich in der Situation darum wissend das zwar kritisiert habe, aber mich nicht in der Lage sah, deswegen aus der SWAPO auszutreten. Nach 14 Jahren Einreiseverbot hatte ich das Bedürfnis, nach Namibia zurückzukehren und, wie ich dachte, dazu beizutragen, dass wir wirklich die bessere Gesellschaft machen. Das erwies sich als Trugschluss und führte zehn Jahre danach dazu, dass ich vor Ort das Handtuch warf, aber in der SWAPO blieb, schon damals als einer der lautstarken Kritiker, aber immer unter Verweis, dass sich das als SWAPO-Mitglied tue, um zu unterstreichen, dass auch das eine SWAPO-Position ist. > _**Ein bewaffneter Befreiungskampf hat das Potenzial, aus Opfern Täter zu machen, oder macht sie eigentlich auch zu Tätern, wenn der Befreiungskampf erfolgreich sein will.**_ Ich kritisiere die ehemalige Befreiungsbewegung aufgrund der Werte, aufgrund derer ich Mitglied dieser Bewegung geworden bin. Nun starb im August 2025 Solomon Hawala, der sich den Namen „Schlächter von Lubango“ erworben hatte. Das soll heißen, dass er der Oberkommandierende war, der verantwortlich war für die Folterungen, für die Hinrichtungen, für die elendige Behandlung der Gefangenen, der selbst hundertfach gemordet hat, der nach der Unabhängigkeit zum führenden Mann des Sicherheitsregimes wurde, der 2014 dann pensioniert wurde, sich zurückzog. Mit seinem Tod wurde all dieses wieder in der Öffentlichkeit wach, auch unter den hunderten Überlebenden, die sich an dieses Trauma immer noch erinnern und die nie rehabilitiert wurden. Ich schrieb daraufhin einen Meinungsartikel direkt am Tag danach und schlug vor, dass dies der Anlass sein sollte, endlich sich diesem Thema zu stellen, in einer adäquaten Form, in der Hawala eben auch als Schlächter von Lubango beigesetzt wird. Einen Tag später erklärte die Staatspräsidentin, die auch Präsidentin der SWAPO ist, dass Solomon Hawala aufgrund seiner Verdienste zum nationalen Helden posthum ernannt wird und ein Staatsbegräbnis erhält. Da gab es für mich keine Wahl mehr. Ich hab dann am nächsten Tag mein Rücktrittsschreiben an die SWAPO-Präsidentin, die zugleich Staatspräsidentin ist, und die Generalsekretärin der SWAPO gerichtet und hab damit geschlossen, dass ich sagte, ich bleibe unserem Slogan seit der Gründung der SWAPO treu, nämlich „Solidarity, Freedom, Justice“. **Bernd: Zu deiner Geschichte passt auch das Lied, was du jetzt für uns ausgesucht hast.** **Henning:** Ja, es ist sozusagen die englische, internationale Variante von „Ich glaube“, denn drei Jahre später hat John Lennon unter dem Titel „Imagine“ ausgedrückt, was Udo Jürgens vorher schon alles selbst vorgetragen hatte. „Imagine“(Auszüge): Imagine there’s no heaven // It’s easy if you try // No hell below us // Above us only sky // Imagine all the people // Living for today // Imagine there’s no countries // It isn’t hard to do // Nothing to kill or die for // And no religion, too Imagine all the people // Living life in peace // You may say I’m a dreamer // But I’m not the only one // I hope someday you’ll join us // And the world will be as one // Imagine no possessions // I wonder if you can // No need for greed or hunger // A brotherhood of men // Imagine all the people // Sharing all the world // You may say I’m a dreamer // But I’m not the only one // I hope someday you’ll join us // And the world will live as one“ **Bernd: Henning, du forschst seit Jahrzehnten zur Kolonialgeschichte Afrikas und insbesondere zum Genozid an den Herero und Nama, der während der deutschen Kolonialzeit in Namibia begangen wurde. Du hast viel dazu veröffentlicht, unter anderem auch in der Graswurzelrevolution. Viele Menschen haben wahrscheinlich von diesem Völkermord noch nichts gehört, weil das Thema nicht in den Medien oder im Schulunterricht präsent ist. Kannst du dazu etwas erzählen?** **Henning** : Der Völkermord, der zwischen 1904 und 1908 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika stattfand, war der erste des 20. Jahrhunderts und in den Kämpfen starben nach Schätzungen zwei Drittel der Ovaherero, Ovaherero ist die Pluralform von Herero, und ein Drittel der Nama, die damals als „Hottentotten“ verunglimpft wurden. Als „Kollateralschaden“, wie das zynisch heißt, muss man die Damara dazu zählen und die San, die Buschleute, die sich allerdings weniger deutlich artikulieren, weil sie ihrer Agency noch drastischer beraubt wurden als Folge dieses Genozids, als die Nama und die Herero. Es ist wichtig, dass er selbst von der Bundesregierung seit 2015 als Völkermord mit dem rechtlich relevanten Zusatz „aus heutiger Perspektive“ eingestanden wird. **Markus Beinhauer: Es gibt zwischen Namibia und Deutschland seit vielen Jahren Verhandlungen bezüglich des Genozids. Und immer wieder gibt es die Kritik, dass die Opfergruppen der Herero und Nama dabei kaum eine Rolle spielen. Da würde mich Deine Einschätzung interessieren: Warum ist das so?** **Henning** : Es ist ein interessantes Beispiel dafür, dass bilaterale, staatliche Verhandlungen zwischen zwei Regierungen koloniale Asymmetrien reproduzieren können, auch auf der Seite der vermeintlichen Opfer, denn die namibische Regierung verhandelt mit dem Anspruch, demokratisch gewählt zu sein und alle Bevölkerungsgruppen zu vertreten. Dass aber der Völkermord ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen betroffen hat und die Mehrheit der Bevölkerung nicht, weil die nicht in direkter Weise vom Kolonialismus betroffen war, die aber die Hauptbasis der SWAPO als Regierungspartei stellt, täuscht darüber hinweg, dass sozusagen die Belange der Nachfahren der damals hauptsächlich betroffenen indigenen Gemeinschaften ignoriert werden. Und sowohl Deutschland wie Namibia hat vor mittlerweile fast 20 Jahren in der UNO eine Resolution mit unterschrieben. Die nicht rechtswirksam ist, aber die trotzdem natürlich ein Bekenntnis ist zu den Rechten indigener Bevölkerungen, in der ausdrücklich festgehalten wird, dass alle Angelegenheiten, die indigene Bevölkerungen betreffen, nur verhandelt werden können unter direkter Teilnahme von Vertretungen, die von diesen indigenen Bevölkerungen ernannt worden sind. Und die Ovaherero, die Nama und Damara werfen der namibischen Regierung vor, dass sie diesen Beschluss nicht respektiert, dass sie im Namen von Bevölkerungsgruppen verhandelt, die nicht ein eigenes Wort am Verhandlungstisch haben und die, was eigentlich nie offen ausgesprochen wird, aufgrund der Folgen des Völkermords Minderheitsgruppen im Lande sind, denn sie wurden ja nahezu vernichtet. Das heißt, die Demographie heute, die dazu beiträgt, dass die Mehrheit der Bevölkerung im Norden Namibias, die nicht vom Völkermord betroffen ist, die SWAPO wählt, die damit Regierung wird, würde anders ausfallen, wenn es diesen Völkermord damals nicht gegeben hätte. **Markus: Welches Musikstück hast Du als nächstes für uns ausgesucht?** **Henning** : Das nächste Musikstück ist das einzige, das auch mit Krieg zu tun hat: „The Partisan“. Es zeigt ein wenig die Ambivalenz, die mich auch immer begleitet hat bei der Entscheidung, in die SWAPO einzutreten. Das ist ja kein pazifistischer Entschluss. Es ist sozusagen die Entscheidung, auch billigend in Kauf zu nehmen, dass mit Formen von Gewalt Ziele erreicht werden. Und „The Partisan“ von Leonard Cohen ist auf einer sehr frühen LP von ihm, die mich noch im Abiturjahr, so wie Udo Jürgens, begleitet hat. Ein Lied, in dem zum Ausdruck kommt, welche Opfer Widerständler, und in dem Fall sogar ausdrücklich eine ältere Frau, zu bringen bereit sind, zur Erkämpfung der Rechte, die ihnen verwehrt bleiben. Und bis heute ist es eine Ambivalenz, mit der ich selbst weiterhin lebe, nämlich einerseits sehr kritisch zu sein gegenüber Gewalt, ich hab vorhin schon auf diesen Spruch von Christa Wolf in „Kassandra“ verwiesen: „Der Krieg formt seine Leute“, und andererseits bereit war, in eine Befreiungsbewegung einzutreten, die mit Mitteln der Gewalt dann selbst solch unsägliches Leid in den eigenen Reihen verursacht hat. In Leonard Cohens Lied gibt es die Zeile „Freedom soon will come, then we’ll come from the shadows“. Ich projiziere in dieses „then we‘ll come from the shadows“ auch ein Stück weit Optimismus, den die SWAPO nicht eingelöst hat, nämlich sich dann aus diesem Schatten zu befreien und eine neue Gesellschaft aufzubauen, die dann hoffentlich auch ohne Gewalt auskommt. [Musik: Leonard Cohen – The Partisan …] **Markus: In der Wissenschaft gibt es die These und auch die Gegenthese, dass es eine Kontinuität gibt zum einen zwischen der Kolonialzeit der Deutschen, dem deutschen Kolonialismus und dem Nationalsozialismus und eben auch dann zwischen dem Genozid an den Herero und Nama und der Shoa. Wie stehst du dazu?** **Henning** : Die Kritikerinnen und Kritiker der Kontinuitätsthese unterstellen zu Unrecht, dass damit gemeint ist, es gebe einen direkten Weg von Windhoek nach Auschwitz. Es gibt keinen einzigen Kolonialhistoriker, von dem ich wüsste, dass er das so sagt. Aber ich teile die Meinung derjenigen, die sagen: Um die Eskalation im Holocaust zu verstehen, muss man im deutschen Kolonialismus beginnen. Mentalitätsgeschichtlich in der Herausformung von Unterwerfungsstrategien. Der Oberkommandierende des Völkermords, Lothar von Trotha, sprach von einem Rassenkrieg und sagte: „Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld.“ Personell waren einige der Kolonialoffiziere auch direkt maßgeblich beteiligt am Naziregime. Die Rassenforschung begann ja auch mit der Untersuchung von Schädeln und Skeletten von Afrikanern aus den deutschen Kolonien. Also, es gibt eine Geschichte, die auch von Raphael Lemkin, der den Begriff des Völkermords geprägt hat, der den deutschen Kolonialismus benennt als anfangs konstituierendes Element von Völkermord, schon erwähnt wurde in seinen Schriften. Hannah Arendt sagte in den „Ursprüngen totaler Herrschaft“: Um den Holocaust zu verstehen, müssen wir die Ursprünge totaler Herrschaft in den deutschen Kolonien untersuchen. – Die dann übertragen wurden in Herrschaftsformen und Praktiken im eigenen Reich. Also von daher sollten die Kritikerinnen und Kritiker vorsichtig sein bei der Überlegung: Wen kritisieren sie eigentlich? Sie kritisieren damit auch die Wegbereiter und Pioniere der Völkermordthese und jemanden wie Hannah Arendt, die ja teilweise auch heute bei dieser aufgeladenen Debatte tendenziell zur Antisemitin erklärt wird, aufgrund ihrer Kritik. Das ist das Fatale bei der Diskussion heute, dass der Hinweis darauf, um das, was im Naziregime perfektioniert wurde in industrieller Massenvernichtung, richtig zu begreifen, man mentalitätsgeschichtlich in die Gedanken eines Völkermords zur Zeit des deutschen Kolonialismus zurückgehen will. Und der neue Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sagt, dies untergrabe die Singularität des Holocaust und ist für ihn tendenziell antisemitisch. Das heißt aber eine Pervertierung des „Nie wieder!“, das die Überlebenden von Buchenwald sagten, denn „Nie wieder!“ heißt nie wieder Formen von Massenvernichtung, wie sie im ersten Völkermord schon in der deutschen Kolonialzeit angelegt waren. **Markus: Vielen Dank. Dein nächstes Musikstück?** **Henning** : Jetzt kommt der Wandel zur afrikanischen Perspektive. Man hört vielleicht schon raus, dass ich einen leichten Hang zur Sentimentalität habe mit der Auswahl der Lieder. Abdullah Ibrahim, der produzierte 1974 noch unter seinem alten Namen als Jazzer, nämlich „Dollar Brand“, ein Stück, in dem er ein Township in Kapstadt intonierte, nämlich Manenberg. Das wurde 1974 auf einer Platte veröffentlicht, die seither Kultstatus hat auch im Anti-Apartheid-Widerstand in Südafrika, weil es nämlich Identität pflegt und dadurch auch Selbstbehauptung fördert, ohne dass es Worte braucht. Es ist ein reines Melodiestück. Das war das Jahr, in dem ich in die SWAPO eingetreten bin, und auf dem Rückweg von Namibia zur Fortsetzung meines Studiums in Westberlin habe ich die Langspielplatte gekauft und mitgenommen. [Musik] **Bernd: Im Sommer 2025 ist in der Graswurzelrevolution Nummer 500 ein bewegender Essay von Dir erschienen, unter dem Titel „Solidarität, das Pflänzchen immergrün“. Was bedeutet für dich Solidarität? Wie sieht deine Utopie aus?** **Henning** : Solidarität ist für mich Empathie, Mitgefühl, Verständnis für die Sichtweisen anderer, die betroffen sind, ohne zu hierarchisieren, was sehr schwierig ist, denn wir urteilen und empfinden ja nach unserer eigenen Lebenswelt und nach unseren eigenen Erfahrungen. Und sich in andere hineinzuversetzen, ist nicht immer einfach und manchmal unmöglich. Deren Trauma lässt sich nicht nachempfinden, aber es lässt sich durch Mitgefühl, nicht Mitleid, Mitgefühl ist etwas anderes, und Empathie zumindest insofern auffangen, als dass es eine Respektbekundung ist gegenüber den Empfindungen dieser Menschen. Die oft von Trauma geplagt sind, die manchmal auch sehr aggressiv reagieren, mit Widerstand reagieren. Und zu versuchen, sich damit zu identifizieren, im Sinne einer konstruktiven Teilhabe, die gleichzeitig nicht bedeutet, alles entschuldigend in Kauf zu nehmen, sondern durchaus auch das Recht für sich selbst zu reklamieren, in bestimmten Punkten anders zu denken, anders zu empfinden, anders zu handeln. Aber immer auf dieser Grundlage, das als eine Anerkennung und Respektbezeugung gegenüber dem anderen zu verstehen, gegenüber dem dann auch Differenzen vermittelt werden. Auch das ist eine Form von Anerkennung. Und dann zu versuchen, auf einer gemeinsamen Grundlage zu handeln, durchaus teilweise unterschiedlich zu handeln. Für mich war immer prägend, was Albert Camus mal gesagt hat, nämlich: „Alles, was ich über Solidarität weiß, habe ich beim Fußball gelernt.“ Wenn man heute den Profifußball anguckt, dann kommen einem vielleicht noch andere Gedanken, aber zu der Zeit wurde Fußball eben als Mannschaftssport im Teamgeist gespielt. Und wenn dann ein Stürmer nach hinten zurückgeht, um die Verteidigung zu unterstützen, dann ist es auch eine Form von Solidarität. Meine Utopie ist, dass der Fußball wieder solidarisch wird und dass diese Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen, gestärkt wird. Und dass Kämpfe anderswo auch als Kämpfe bei sich selbst verstanden werden. Amílcar Cabral wurde mal Anfang der Sechzigerjahre gefragt, was denn die beste Form von Solidarität ist. Und er sagte: „Ihr könnt uns gerne Medikamente schicken zur Unterstützung unseres Befreiungskampfes, humanitäre Hilfsleistungen. Aber die beste Form der Solidarität ist, dass ihr den Kampf im eigenen Land führt.“ (1) https://www.nrwision.de/mediathek/radio-graswurzelrevolution-der-lange-schatten-des-deutschen-kolonialismus-251028/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**

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#GWR504 #Israel #Pazifismus Die waffen nieder Ziviler Mut unter Beschuss Israels Regierung greift Friedensaktivist:innen und Menschenrechtsgruppen an Christiane Berg https://www.graswurzel.net/gwr/2025/12/ziviler-mut-unter-beschuss/

Ziviler Mut unter Beschuss

Der brutale Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023, der Krieg in Gaza, das unfassbare menschliche Leid auf beiden Seiten und die seit Jahrzehnten andauernde Besatzung machen eines deutlich: Es braucht einen glaubwürdigen Friedensprozess – und dafür braucht es besonders jene zivilgesellschaftlichen Stimmen, die Brücken bauen, die trotz aller Widrigkeiten unermüdlich für Dialog, Gerechtigkeit und Versöhnung arbeiten. Genau diese Stimmen sind nun massiv bedroht. Ein neues NGO-Gesetz in Israel droht, viele dieser Organisationen handlungsunfähig zu machen. (1) Gemäß dem Gesetzentwurf müssten zivilgesellschaftliche Gruppen, die ausländische Mittel über einem bestimmten Schwellenwert erhalten, eine dreijährige Verpflichtung unterzeichnen, sich nicht an Demonstrationen, Kampagnen oder öffentlicher Kritik zu beteiligen. Eine Weigerung würde eine Steuer von 23 Prozent für ihre ausländischen Geldgeber nach sich ziehen – darunter EU-Regierungen und Institutionen wie das Auswärtige Amt oder deutsche politische Stiftungen. Bei Verstößen könnte diese „Strafsteuer“ auf 46 Prozent steigen. Zudem müssten jene Nichtregierungsorganisationen, die ausländische Gelder erhalten, bei einer Berufung vor dem Obersten Gerichtshof erhöhte Antragsgebühren zahlen. Eine solche Bestimmung würde insbesondere kleinere Organisationen von einer gerichtlichen Überprüfung abhalten und damit den Grundsatz des gleichberechtigten Zugangs zur Justiz untergraben. Die betroffenen NGOs, darunter Combatants for Peace (2), Standing Together, Rabbis for Human Rights, Parents circle – Families Forum, B´tselem, Women Wage Peace, stünden damit vor einer unmöglichen Wahl: sich mundtot machen zu lassen oder finanziell auszubluten. Warum werden diese Organisationen als so gefährlich wahrgenommen, dass ein solches Gesetz verabschiedet werden soll? Um das zu verstehen, muss man sich den Alltag der Menschen in der Region vor Augen führen: An den Zufahrtsstraßen zu den palästinensisch verwalteten „A-Gebieten“ im Westjordanland stehen überdimensionale, leuchtend rote Warnschilder, die von der israelischen Regierung aufgestellt wurden. Sie richten sich an israelische Staats-bürger:innen und warnen eindringlich davor, diese Gebiete zu betreten – unter Hinweis darauf, dass es gegen israelisches Recht verstoße und der Aufenthalt dort lebensgefährlich sei. Die physische Trennmauer zwischen Israel und den besetzten Gebieten ist sichtbar und gegenwärtig. Doch die Mauern, die mit solchen Warnschildern in den Köpfen und Herzen der Menschen entstehen, sind noch bedrohlicher. Hier wird Angst erzeugt vor dem, was sich hinter der Sperranlage befindet. Angst vor den palästinensischen Menschen dort, die kollektiv als Bedrohung dargestellt werden. Eine Begegnung kann kaum stattfinden. Umgekehrt ist es ähnlich: Palästinenser:innen begegnen in der Regel jüdischen Israel:innen, die als Soldaten:in-nen auftreten oder gewaltbereiten Siedler:innen. Auch wenn diese eine Minderheit darstellen, sind doch sie es, die in Erscheinung treten, bewaffnet und brutal die Palästinenser:innen von ihrem Land vertreibend. Die Mauer hat den symbolischen und den realen Zweck, die Palästinenser:innen aus dem Leben der Israelis auszuschließen. Eine solche Mauer teilt die Menschen auf in „Wir“ und „Die“, teilt auf in Eingeschlossene und Ausgeschlossene. Die physische Mauer, wie auch die Mauer, die durch Angst in den Herzen der Menschen entsteht, trennt von dem, was berühren könnte, trennt vom Leid der anderen. Gegen diese Entmenschlichung leisten zivilgesellschaftliche Organisationen aktiv Widerstand. In Masafer Yatta bringen Freiwillige der israelischen Organisation Ta`ajush („Zusammenleben“) Familien Zelte, nachdem ihre Häuser zerstört wurden. Freiwillige des Center for Jewish Nonviolence leben zeitweise in abgelegenen Dörfern der südlichen Hebronberge, wenn Familien sich von gewaltbereiten Siedler:innen aus nahegelegenen Outposts bedroht fühlen. Die Rabbis for Human Rights begleiten palästinensische Farmer bei der Olivenernte–. Dabei werden sie von rechtsradikalen Siedlern brutal angegriffen. (3) Was für ein wichtiges Zeichen, wenn Israelis auf diese Weise Solidarität zeigen – wenn sie deutlich machen, dass sie nicht einverstanden sind mit der Politik der eigenen Regierung. So auch Shaul, 19 Jahre alt, der den Armeedienst verweigert. Er musste bereits mehrfach für 40 Tage ins Gefängnis. In der Zeit zwischen den Haftaufenthalten unterstützt er Ta`ajush bei Einsätzen gegen Siedlerübergriffe in Masafer Yatta. Auf meine Frage, ob es hart sei, seine Zeit entweder im Gefängnis oder im Westjordanland zu verbringen – wo es nicht selten zu gewalttätigen Provokationen durch Siedler:innen oder zu Willkürakten seitens der Armee kommt –, antwortet er: „Das ist nicht hart. Ich weiß genau, was ich zu tun habe und dass das, was ich tue, richtig ist: Es entspricht meinen Werten. So, wie ich mein Leben gestalte, ist es genau richtig.“ Sei es vor Ort bei der Olivenernte im Westjordanland oder bei den Treffen in Dialoggruppen, in der Zusammenarbeit erleben sich Palästinenser:innen und Israelis als Menschen. Echte Begegnungen finden statt. Sollte es eines Tages zu einem Frieden kommen, dann müssen die Menschen auf ein friedliches Zusammenleben vorbereitet sein – und genau solche Erfahrungen gemacht haben. Ohne diese zivilgesellschaftlichen Organisationen gäbe es kein verlässliches Bild davon, was im Westjordanland, in Gaza oder Ostjerusalem tatsächlich geschieht. Ihre Mitglieder sind Augenzeug:innen, durch die Menschenrechtsverletzungen überhaupt bekannt werden. Die israelische Regierung hat erkannt, welches Potenzial diese auf Dialog und Gerechtigkeit ausgerichteten NGOs in sich tragen. Während die derzeitige Politik auf Vertiefung der Spaltung zwischen Israelis und Palästinenser:innen zielt, nehmen die Mitglieder der betroffenen NGOs einander als Menschen wahr, die zusammenarbeiten können. Oder wie es Jamil von den Combatants for Peace auf den Punkt bringt: „Es geht nicht wirklich um die Teilung zwischen Israelis und Palästinenser:innen, sondern um die Spaltung zwischen Menschen, die diese Kriegsenergie verbreiten und um Menschen, die eine friedliche, gerechte Energie in die Welt bringen.“ (4) Dieses Gesetz bedroht das, was in diesem Konflikt am meisten Hoffnung gibt: die Menschen, die sich nicht entmenschlichen lassen, die weiter miteinander reden, die den Weg des Dialogs wählen, inmitten von Trauer, Angst und Zerstörung. Ohne sie wären die Stimmen der Opfer unsichtbar. Ohne sie gäbe es keinen Dialog, keinen Austausch, keine gemeinsame Hoffnung. Wir können unseren Blick auf jene zivilgesellschaftlichen Organisationen richten, die uns die konkrete Utopie eines friedlichen Zusammenlebens bereits vorleben: Es gibt eine palästinensische und eine israelische Zivilgesellschaft, die sich für einen gerechten Frieden einsetzen. Beide erleben Trauer. Beide verlieren Familienangehörige und Freund:innen. Diese Stimmen sagen: Wir sehen einander im Leid. (5) Denn nur wenn wir das Leid der Anderen begreifen, können wir eine gemeinsame Zukunft bauen. Das ist keine naive Hoffnung. Das ist ziviler Mut. Das ist konkrete Arbeit unter lebensgefährlichen Bedingungen. Und genau deshalb braucht es unsere aktive Hoffnung. (1) https://www.maecenata.eu/wp-content/uploads/2025/10/OB-84_Sojref_Zivilgesellschaft-in-Israel_final.pdf (2) Zu Combatants for Peace siehe: Jenseits von Gaza: Der stille Krieg im Westjordanland, Artikel von Rana Salman, in: GWR 501, September 2025 ; Bernd Drücke (Hg.), Die Kriegslogik durchbrechen, Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg, Verlag Graswurzelrevolution, September 2025 (3) https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-update-335-west-bank&ved=2ahUKEwiLhfbly92QAxXh3gIHHQ6IIBoQFnoECBkQAQ&usg=AOvVaw0nibXDCFdprl7rL0e4X79T (4) https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://thereisanotherwayfilm.com/&ved=2ahUKEwj4s5jMzN2QAxU-ywIHHeA7O64QFnoECCIQAQ&usg=AOvVaw3ZAJEEJvbfaA10vaFm4FyJ (5) Vgl. hierzu: Unsere Vision – Elternkreis-Familienforum https://share.google/VBhmjSsK657DBVpIA (Letzter Zugriff 11/2025) **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel

graswurzel.net

#GWR503 #Gewaltfreiheit die waffen nieder Was war denn das? Ein kritischer Diskussionsbeitrag zu den militaristischen Tendenzen auf dem „Rheinmetall entwaffnen“-Camp in Köln https://www.graswurzel.net/gwr/2025/10/was-war-denn-das/

Was war denn das?

Ein Rückblick auf das „Rheinmetall entwaffnen“-Camp in Köln kann nur widersprüchlich ausfallen. Das fing schon bei dem Verbot an, das die Kölner Polizei über das Camp und die Demo verhängen wollte. Für den Versuch musste die Parole „Krieg dem Krieg“ herhalten, mit der vor allem „Rote Gruppen“ zum „Rheinmetall entwaffnen“-Camp mobilisierten. Während die juristische Auseinandersetzung lief, beantworteten „Rote Gruppen“ den Verbotsversuch mit „Krieg dem Krieg – Jetzt erst recht!“ Dies sei eine „Kampfansage (…) an alle, die für eine sozialistische Zukunft kämpfen und die wissen, dass ‚Krieg dem Krieg!‘ eben das bedeutet“. Der Widerspruch zu der Parole „Krieg dem Krieg“ formulierte sich schnell, da sie „martialisch“ sei. In der Kritik heißt es u.a., dass die Parole eine militante sozialrevolutionäre, feministische und antimilitaristische Perspektive auf Krieg konterkariert. „Sie grenzt pazifistische und andere Gruppen aus. Sie bleibt in militaristischer Logik verhaftet. Sie militarisiert soziale Auseinandersetzungen.“ Man trage die Parole nicht mit. Eine Erwiderung kam nicht etwa von den „Roten“, sondern von anarchistischer Seite, die in der Intention „Krieg dem Krieg“ eher den Bezug auf den Anarchisten und Antimilitaristen Ernst Friedrich sah, der mit seinem „Krieg dem Kriege“-Buch von 1924 eine radikale Position gegen jeden Krieg bezog. Auch Bernd Drücke saß in seinem Editorial der Graswurzelrevolution 501 vom September 2025 unter dem Titel „Krieg dem Kriege! Ernst Friedrichs antimilitaristische Parole wird kriminalisiert“ (1) diesem Irrtum auf, denn er ging davon aus, die Parole eines anarchistischen Antimilitaristen würde kriminalisiert. Diese Lesart war aber nicht von den „roten Gruppen“ intendiert. Nun interessiert die Begründung nicht, welche die Polizei für ein Verbot anführte. Hätte es diese Parole nicht gegeben, sie hätte einen anderen Anlass gefunden. Wir lehnen diese Parole aus inhaltlichen Gründen ab und sind eher verwundert, wieso sich Anarchist*innen haben blenden lassen und damit einen Angriff auf Antimilitarismus assoziierten. Warum? Fakt ist: Wir haben bisher kein Camp erlebt, das sich zwar einerseits gegen Krieg und Rüstung aussprach und andererseits so viele militaristische Tendenzen aufwies, wie in Köln. Da muss Klartext geredet werden, da hilft Schönreden nichts. Autoritäre, orthodoxe kommunistische Gruppen versuchen das Thema Krieg in einer Weise zu besetzen, die sich eines Antimilitarismus in taktischer Manier bedient, um den aktuellen Widerspruch, der allgemein gegenüber der Militarisierung vorherrscht, für sich zu nutzen. Unter dessen Deckmantel wird eine autoritäre Gesellschaftsperspektive angestrebt, die militaristische Positionen bezieht. Das fängt damit an, den Feind im eigenen Land zu sehen und nicht in jedem Land, das ein Militär unterhält, weil man dem klassischen Freund-Feindschema anhängt. Russland oder China sind für die globale Militarisierung und Kriegsentwicklung nicht so bedeutsam wie der „Deutsche Imperialismus“. Unter diesen Schlagwörtern marschierten dann auf dem Camp bei einer Demonstration junge Freunde der DDR in Uniform vorneweg. Niemand hatte sie dazu eingeladen, sich an die Spitze zu setzen und mit ihren Karnevalsuniformen die Clowns abzugeben. In ähnlicher Weise kaperten autoritäre Kommunist*innen gleich zu Beginn des Camps den Versuch einer offenen Diskussion. Sie besetzten bei einer sogenannten Fish-bowl-Methode alle Sprechpositionen, so dass nichts anderes durchdringen konnte als ihre Propaganda. Das war der Zeitpunkt, an dem bei anwesenden Autonomen und Anarchist*innen die Diskussion aufbrach, ob man wieder abreisen solle. Nun könnte man den militaristischen Karnevalsverein der „Freien Deutschen Jugend“ für gelungene Realsatire abtun. Aber aus dem „Revolutionären Barrio“ kamen immer wieder Töne, die dem Volkskrieg und der Volksarmee der DDR oder einer neu zu schaffenden „Roten Armee“ zusprachen. Ein Jugendlicher mit Stalin-T-Shirts wurde gefragt, ob er sich bewusst sei, für wen er da Werbung mache. Stalin hätte die Opposition umgebracht. „Ja, die deutschen Soldaten“, spuckte der junge Kommunist freudig hervor. Und seiner Schulung folgend, sei das mit den Gulags nur Propaganda des Imperialismus. Er war sich also bewusst, was er da trug. Am Bücherstand orthodoxer Gruppen freute man sich über den Absatz von Lenins Werken und anderen historischen Verbrechern. Hammer- und Sichelfahnen ließen keinen Zweifel aufkommen, der autoritäre Kommunismus ist ein Wiedergänger, nur die kommunistische Partei macht uns frei. Fragte man den anderen bleichen Jungmacker, dessen T-Shirt den Neuaufbau der KPD propagierte, wie das vonstatten gehen sollte, dann war im Brustton der Überzeugung der „Volkskrieg“ der Weg. Wer denn das Volk sei, wurde auch beantwortet: „Die deutsche Arbeiterklasse, die Werktätigen.“ Eine Anmerkung, dass wir diesen Volkskrieg schon mal gehabt hätten und kein Bedarf danach bestünde, konterte der junge Mann mit „Aber Ihr Anarchisten seid doch auch für die Revolution“. Er verstand nicht, weil er, obwohl so jung, schon als Wiedergänger aus dem letzten Jahrtausend agierte, taub für Widersprüche. Die jungen Frauen der marxistisch-leninistischen Jugendorganisation „Young Struggle“ (YS) wollten einer Organisatorin des Camps einen Platzverweis erteilen, weil die eine kritische Frage zu der durch YS betriebenen Verherrlichung der islamistischen Hamas als „Befreiungsorganisation“ zu stellen wagte. Der Volksbegriff hat ein reaktionäres Revival, als hätte es eine Auseinandersetzung zu Rassismus nie gegeben. **Wieso sind so viele, zum Teil eher auch junge Menschen, für so einfache, autoritäre Lösungen zu begeistern?** Werden einfache Antworten gesucht, die in der komplexen Welt mit vielen Gleichgesinnten eine Nestwärme erzeugen, die sonst so einfach nicht zu haben ist, weil um Positionen und Widersprüche gerungen werden müsste? Weil man eigentlich keine Widersprüche zulassen kann, um dieses identitäre Gebilde nicht zu gefährden? Und weil man zwischen Schule und Studium und dem Basteln an der Karriere nicht auch noch Zeit in Widersprüche verschwenden kann, sondern sich schnell und ohne große Mühe auf der richtigen Seite sehen will? Glauben sie den Scheiß, den sie da politisch vertreten? Oder geht es da gar nicht drum? Sitzen sie schon in den Startlöchern, um irgendwann kleine Machtpöstchen zu bekleiden und üben schon mal? Die Geschichte der K-Gruppen ist voll von Mitläufern, die sich irgendwann desillusioniert zurückzogen oder der Parteipolitik hingaben. > _**Wir haben bisher kein Camp erlebt, das sich zwar einerseits gegen Krieg und Rüstung aussprach und andererseits so viele militaristische Tendenzen aufwies, wie in Köln. Da muss Klartext geredet werden, da hilft Schönreden nichts.**_ **Die Frage an die Camp-Orga: Warum wird autoritären Positionen ein Platz eingeräumt?** Bloß weil sie rote Fahnen haben und auf den ersten Blick gegen Krieg sind? Auch die AfD gibt vor, gegen Krieg zu sein – das alleine kann kein Kriterium sein. Wieso hat die Camp-Orga politisch nicht eine Agenda, die militaristische Positionen selbstbewusst und offensiv ausschließt bzw. diese Widersprüche zur Diskussion stellt? Ein Camp, das gegen Krieg ist, ist gegen Krieg und nicht für den gerechten Krieg, nicht den antiimperialistischen Krieg, nicht für den Volkskrieg! So ist die scharfe Kritik an „Krieg dem Krieg“ zu lesen, die sich für „Soziale Revolution gegen jeden Krieg!“ aussprach. Würde „Krieg dem Krieg“ im Geiste eines radikalen Antimilitarismus und des antimilitaristischen Anarchisten Ernst Friedrichs gerufen, wäre sie diskutierbar. Da sie hier aber im Geiste eines Militarismus verwendet wird, der Krieg führen will und das auch so meint, kann einer solchen Parole nur eine Absage erteilt werden. Der Frage, warum sich so viele junge Männer* und Frauen* in das „Rote Heer“ begeben und allen Ernstes Patriarchat als einen Nebenwiderspruch betrachten, der mit dem Verschwinden des Kapitalismus auch verschwinden würde, widmen wir uns an dieser Stelle nicht auch noch. Zum Glück gab es im Rahmen des Camps auch einen politisch ausgestalteten Bereich des autonomen Feminismus, in dem sich viele junge und ältere Flintas mischten. Ausgehend von der Geschichte der „Trostfrauen“ wurde ein Denkmal aufgestellt, zu Ehren der Frau, Yong I, die ihre Geschichte der sexuellen Versklavung durch das japanische Militär im Faschismus offen gemacht hat. Ausgehend von anklagenden Stimmen wurden Hunderttausende Frauen und Mädchen mit diesem Denkmal sichtbar gemacht. In einer großen Veranstaltung im zentralen Zelt vor über 300 Menschen wurden Fakten aus vielen Armeen und Kriegen zusammen getragen, die Vergewaltigung als zentrales Moment von Militär herausgearbeitet haben. Diese Auseinandersetzung war für ältere Feminist*innen zwar nicht neu, doch die Aufzählung vieler historischer systemischer Vergewaltigungen in verschiedensten kriegerischen Konflikten zeigte noch mal deutlich: Ein jedes Militär betrachtet den Frauen*körper als militärisches Ziel, als Körper, der in der Logik des Militärs kolonisiert und kontrolliert werden muss. Durch die thematische Präsenz, viele Veranstaltungen und ein festes FLINTA-Zelt wurde ein Raum geschaffen, der Krieg und Patriarchat zusammen denkt und einen Anlauf- und Organisierungsort schuf. So wurde zur Desertion aus den binären Strukturen und dem Freund-Feind-Schema aufgerufen. Foto: Anarchistischer Kriegsrat Berlin Auch in anarchistischer Hinsicht wurden zwei Anlaufpunkte geschaffen. Das war zum einen das „Anarchistische Barrio“, in dem sich gemeinsam und selbstorganisiert koordiniert wurde und Veranstaltungen stattfanden. Und in dem ein Spitzel aus Frankreich aufflog, der von fünf Bullen geführt wurde. Es gab auch ein Zelt von Anar-chist*innen, Feminist*innen und Autonomen, welches vor allem für die Unterstützung von Deserteuren in allen Teilen der Welt warb und Aufkleber in vielen verschiedenen Sprachen verschenkte. Natürlich war auch die Interventionistische Linke (IL) anwesend, erkennbar an den pinken Basecaps. Aber bei um die Tausend oder mehr Menschen auf dem Camp war es schwierig, aus allen Bereichen etwas mitzubekommen. In den verschiedenen Zelten liefen parallel gute wie auch schlechte Veranstaltungen. Mehrere Aktionen in Köln und Umland gab es, von denen viele als erfolgreich galten. Doch wir beurteilen hier nicht, was wir nicht mit eigenen Augen gesehen haben. Denn es war üblich, von den Aktionen im Stil der „roten Gruppen“ wie bei einer Propagandaveranstaltung jubelnd zu berichten und sich selbst zu beklatschen, so dass der Raum für Zwischentöne und Zweifel ausgeknipst war. Die Abschlussdemo war eine weitere denkwürdige Angelegenheit. Für Autonome mit einem Erfahrungshintergrund militanter Demos war es wie ein Déjà-vu, bloß in verdrehter Form. Die Kommunist*innen reklamierten für sich, wie auf dem Camp mit ihrem hochtrabend genannten „revolutionären Barrio“, die Revolutionäre schlechthin zu sein. Sie mussten das auch lautstark als „revolutionärer Block“ unter Beweis stellen, als würde die Lautstärke sie zu den einzigen Vertreter*innen einer revolutionären Politik machen. Von „Außen“ besehen, also als Revolutionäre, die keinen Block auf der Demo anstrebten, schien der „revolutionäre Block“ wie eine identitäre Positionierung, die Radikalität imitiert, ohne sie einlösen zu können und auch nicht zu wollen. Es war die Selbstdarstellung einer Idee, geleitet von dem Transparent „Die revolutionäre Seite aufbauen – Krieg dem Krieg“. Es war die Selbstdarstellung einer Idee, geleitet vor der Parole „Krieg dem Krieg“, und von den autonomen Gruppen der 80er Jahre abgekupfert war, die auch damals nichts mit Ernst Friedrich zu tun hatte, aber durchaus auch von autonomen Anarchist*innen vertreten wurde. Eine Idee eines Kommunismus, die leer blieb und etwas Autistisches hatte. Schon früh war erkennbar, dass ein Block geschlossen, und mit diesem Ausdruck einfach nicht bis zum Ende der Demo durchzubringen war. Für die Polizei war der Block der Magnet, der sie anzog und mit dem sie die Reibung suchten. Der Block agierte örtlich sinnfrei und nicht ganz passend, indem Bengalos in den Farben Palästinas gezündet wurden. Was die Polizei erneut auf den Plan rief. Vorher waren diese „genervt“, wegen der miteinander verknoteten Transpis des Blocks. Über allem schwebte die Drohne und filmte jedes Gesicht auf dem Camp. Wir wissen, wenn die Polizei einen Grund finden will, dann findet sie auch einen, um eine Demo nicht ankommen zu lassen. Gescheitert mit dem Verbotsantrag und der Aktionen in und um Köln herum gegen die Bundeswehr und Waffenfabriken, die sie nicht haben verhindern können, war klar, dass die Demo eine Abrechnung wird. Und die „Revolutionäre“ boten sich auf dem Silbertablett en bloc. Die Demoleitung, bestehend u. a. aus dem Friedensforum Köln, versuchte gegenüber der Polizei die Demo und den Block abzusichern, aber irgendwann war damit Schluss. Der Zug wurde wiederholt angehalten, der Block gewaltsam vom Rest der Demo getrennt und isoliert. Auch wenn die Demo stehen blieb und sich solidarisch verhielt, war der Spielraum begrenzt, aber es gab ihn noch. Denn der ebenfalls mit eingekesselte anarchistische Block war einfach, schwuppdiwupp, verschwunden. Erst wurden vereinzelt, aufgrund von Kameraaufzeichnungen und wahrscheinlich eher lächerlicher Vorwürfe, Menschen gewaltsam aus dem „revolutionären Block“ gezogen, dann der Lautsprecherwagen durchsucht. Am Schluss gewährte die Polizei dann den Abzug aller Demonstrant*innen, wenn sie den Block verlassen würden und man würde nur diejenigen festnehmen, die Straftaten oder Ähnliches begangen haben. Auf so eine Spaltung kann man sich natürlich nicht einlassen, also blieb der Block zusammen. Er verharrte aber auf der Stelle, unternahm keine Initiative mehr und war auch sonst nicht sehr beweglich. Die Cops ergriffen die Chance, als der Block keine Initiative ergriff, außer der Dinge zu harren, die da kommen mögen. So konnte die Polizei dann über zehn Stunden die Eingekesselten nacheinander ED-behandeln. Schon am Vortag wurden bei einer Aktion 200 Menschen gekesselt und ED-behandelt. Nun waren es über 500 Menschen, die Eingekesselten sangen in beeindruckender Ausdauer, riefen und schrien über Stunden, was sicher auch zur Stärkung eines identitären Wir-Gefühls beigetragen hat. Davon kann mensch sich emotional bewegen lassen, wer aber „revolutionäre Politik“ nicht auf den moralischen Aspekt des „Wir sind die Guten und Edlen“ reduziert, hat sich das angeschaut, ohne sich mitreißen zu lassen. Denn in diesem Block waren die Freunde Stalins und Lenins und des Volkskrieges auch vertreten, deren Positionen auch einige jüngere Genoss*innen leider nachbeteten. Politisch aus einer revolutionär-anarchistischen Position betrachtet, war da nichts, was einen Sinn zu machen schien. Die Veranstalter*innen der Demo bedauerten, dass die „Parade“, wie sie genannt wurde, nicht am Zielort ankam und diskutieren aktuell eine Wiederholung der Demo. Aber vielleicht war aus dem Camp mehr nicht rauszuholen und man sollte nach vorne schauen. Für die Polizei, nach der Niederlage des Campverbots und der Aktionen im Nachhinein ein Stempel, demn sie dem Camp aufsetzten. Viele Ermittlungsverfahren wegen (schweren) Landfriedensbruchs, über 1000 erfasste Personendaten, Gigabytes von Bilddaten der Campdrohne, die nun ausgewertet und zugeordnet werden, sind mit in eine Bewertung des Camps und der Demo mit einzubeziehen. Wenn dieser Beitrag nach vorne schaut, dann muss deutlich ausgesprochen werden: Das Camp mit einer unwidersprochenen Position autoritär-dogmatischer, militaristischer Richtung z.T. antifeministisch und antiemanzipatorisch, dominiert von den „Roten Gruppen“, sollte für die Zukunft so nicht reproduziert werden. In den zukünftigen Camps wird eine intensive Diskussion um eine emanzipatorische Perspektive der Camps von Nöten sein, wenn wir das Camp und „Rheinmetall entwaffnen“ politisch nicht aufgeben wollen. Wobei sich viele Gruppen schon aus diesem rot dominierten Camp verabschiedet haben. Oder wir organisieren mit unterschiedlichen Gruppen eine eigene Camp-Perspektive gegen Krieg und Militär, die das auch so meint und Antimilitarismus nicht selektiv aus einem taktischen Verhältnis benutzt. Oder mensch tut sowohl das eine ohne das andere zu vernachlässigen. Das heißt, jene Kräfte zu unterstützen, die es auf dem Camp noch gibt, die einen universellen Antimilitarismus richtig finden, Volksbegrifflichkeiten hinterfragen und Militär und Patriarchat nicht abspalten etc. Das hieße im Vorfeld Kontakt aufzunehmen mit anderen Gruppen und eigenen Inhalten und Aktionsvorstellungen in das Camp hineinzutragen. Auch um diejenigen, die eine Perspektive jenseits autoritärer, marxistisch-leninistischer Gruppen suchen, zu erreichen. Vielleicht kann ein anarchistisches Barrio viel mehr im Vorfeld auch politisch vorbereitet werden, um stark aufgestellt vor Ort zu sein und nicht erst, aus guten Ansprüchen heraus, sich vor Ort organisieren, um niemanden aus z.B. kleinen Städten auszugrenzen. Und andererseits geht es vielleicht darum, neue Bündnisse außerhalb solcher von „Roten Gruppen“ dominierten Strukturen neu aufzubauen und zu einem z. B. anarchistisch-feministisch-autonomen Widerstandscamp einzuladen. Vielleicht ist es an der Zeit, mit diesem Selbstbewusstsein in die Offensive zu gehen. Die Geschichte ist auf unserer Seite, denn Nationalismus ist überall die Basis von Militär und Krieg. Das Volk gibt es nicht, es gibt Menschen, die verschiedene Pässe bekommen haben und unterschiedliche Sprachen sprechen und sich zusammenfinden können, um sich gegen alle Herrschaft zur Wehr zu setzen. Der Feind steht in jedem Land, heißt Ausbeutung und Unterdrückung. Er ist international organisiert und heißt Patriarchat. Und jeder Deserteur, jede Deserteur*in schwächt Militär. No nation united us – no border divides us. (1) https://www.linksnet.de/artikel/48957 **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**

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