Ein lauer Sommerabend, der Himmel klar und der Vollmond schaute schüchtern über die Dächer der Stadt. Er setzte sich in die Loggia, goss sich ein Glas Rotwein ein und entzündete eine Kerze. Die Flamme flackerte unstet hin und her. Herr Ellerbrock fühlte sich ruhig – einfach da, einfach er selbst.
Christoph J. Hemkentokrax
@kneipenpoet.de
In meiner Kemenate schreibe ich Gedanken nieder oder lese Bücher. Der Rauchersalon in »Ellis Eckkneipe« ist mein Hort der Glückseligkeit, wo ich mich mit Norbert und Edgar zum Stammtisch treffe – meist bei einer guten Cohiba und einem rauchigen Whisky.
Freunde! Nach dem fußballerischen Triumph und einigen Gläsern exquisiten Sherrys machte ich mich mit Norbert um 3.00 Uhr auf den Heimweg. Edgar übernachtete im Rauchersalon, weil er es mal wieder übertreiben musste. Elli war bedient. Aber seit gestern herrscht wieder Ruhe in der Eckkneipe.
Freunde des großen Finales! Im Rauchersalon haben wir uns darauf festgelegt, morgen die iberischen Kicker vor der Mattscheibe zu unterstützen. Daher werden wir uns vorher noch das eine oder andere argentinische Rindersteak auf den Grill werfen. Das wird ein Fest! Elli wetzt die Steakmesser.
Freunde des nördlichen Polarkreises! Norbert ist mit einer Trommel bewaffnet, Edgar hat Norweger-Pullover und Wikingerhelm gerichtet und ich habe die Musiktruhe mit Wencke Myhres »Er steht im Tor« gefüttert. Alles ist für den Einzug unserer Nordmänner ins WM-Halbfinale vorbereitet. Elli zapft.
Wunderbare erste Sätze, Teil 132: »An einem Abend im November 1733, lange nach Einbruch der Dunkelheit, stapfte eine kleine Person durch die Wiese, welche die Rue des Filles Angloises von der Kaserne der Schwarzen Musketiere trennte.« »Wachs« von Christine Wunnicke
Ein Regenbogen spannte sich über die nassen Dächer der Kleinstadt. Herr Ellerbrock betrachtete ihn aus dem Dachfenster seiner Wohnung und verlor sich in seinen Gedanken: Manchmal reicht ein flüchtiger Augenblick, um dem Leben Farbe zu verleihen. Insgeheim freute er sich auf den nächsten Schauer.
Freunde der Verlängerung! Gleich geht es im Rauchersalon weiter mit dem WM-Spiel der Samba-Kicker gegen die Nordmänner. Edgar hat extra seinen Norweger-Pullover angezogen und einen Wikingerhelm aufgesetzt. Ihm ist wirklich nichts peinlich. Elli verdreht die Augen und zapft norwegisches Pilsner.
Freunde der Glanzparade! Beim heutigen Spiel drücken wir als wahre Nordmänner natürlich den Norwegern gegen Frankreich die Daumen. Elli hat extra ein Fass des feinsten norwegischen Biers organisiert: »Høgørøk Hevvi Bold«! Ich sage euch: Da bleibt kein Auge trocken. Morgen pflegen wir den Kater.
Wunderbare erste Sätze, Teil 131: »Wieder geraucht und wieder getrunken, die Zigaretten gezählt, die Gläser, und noch zwei Zigaretten zugelassen für heute, weil zwischen heute und Montag drei Tage sind, ohne Ivan.« »Malina« von Ingeborg Bachmann (* 25. Juni 1926; † 17. Oktober 1973)
Freunde der Nachspielzeit! Edgar ist von diesen Trinkpausen bei der Fußball-WM mehr als angetan: Jedesmal bestellt er eine neue Lage Pils für alle. Ich goutiere dies ausdrücklich, da man ja stets darauf achten soll, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Elli zapft, dass es eine Freude ist.
Auf »seiner« Bank am Bach lag die örtliche Tageszeitung. Wahrscheinlich hatte sie jemand dort vergessen. Herr Ellerbrock setzte sich und begann, darin zu blättern: Eine Schlagzeile reißerischer als die andere! »Ohne Nachrichten ist das Leben unaufgeregter«, dachte er und warf das Blatt in den Müll.
Wunderbare erste Sätze, Teil 130: »Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.« »Ulysses« von James Joyce
Freunde der Vorhersage! Kai-Uwe, Lothar Schluckebiers Hund, ist nicht nur ein Musikliebhaber, sondern auch ein phänomenales Fußball-Orakel: Von den bislang 16 WM-Partien tippte er 9 korrekt. Sogar das Unentschieden zwischen Spanien und Kap Verde! Elli war begeistert und gab ihm einen Knochen aus.
Wunderbare erste Sätze, Teil 129: »Ich muss an meine Mutter denken, als ich das falsch geschriebene ASS WHOLE sehe, das in Rot quer über die Hintertür des Bib’s gesprayt wurde.« »It starts with us – Nur noch einmal und für immer« von Colleen Hoover
Freunde, noch ist Polen nicht verloren! Die polnische Nationalmannschaft nimmt zwar nicht an der Fußball-WM teil, aber ich konnte Elli letztlich davon überzeugen, dass wir trotz Verzicht aufs Public Viewing die Spiele im Rauchersalon verfolgen dürfen. Natürlich nur im kleinen Kreise … ohne Carola!
Freunde des runden Leders! Aufgrund der »politischen Großwetterlage«, wie Elli es formulierte, wird es zur Fußball-WM kein Public Viewing in der Eckkneipe geben! Dabei haben wir uns schon darauf gefreut, dass Norbert die Spiel-Highlights wieder mit seinem Tipp-Kick-Set nachstellt. Es ist traurig.
Feierabend … endlich wieder zu Hause … langes Wochenende. Er schlurfte in die Küche, öffnete den Kühlschrank und starrte auf die halbvolle Flasche Milch, den Rest vom Schwarzbrot sowie die letzten beiden Eier. »Heute gibt es wohl Rührei«, dachte Herr Ellerbrock und lächelte zufrieden.
Wie ihr ja sicher wisst, macht Elli über Pfingsten die Eckkneipe dicht. Und Norbert muss mit Carola seine Schwiegermutter im Harz besuchen. Kurzentschlossen werde ich mit Edgar, Lothar und Kai-Uwe die Tage auf Fehmarn verbringen. Wir werden bestimmt eine Kneipe finden, um auf Norbert anzustoßen.
Wunderbare erste Sätze, Teil 128: »Wir hatten eine volle Schiffsladung Baumwolle von New Orleans rübergebracht nach Antwerpen mit der S. S. Tuscaloosa.« »Das Totenschiff« von B. Traven
Kurze Grand-Prix-Nachbetrachtung vom letzten Wochenende: Elli tänzelte elfenhaft mit den Getränken zur Musik durch den Rauchersalon, Norbert schunkelte beschwingt am Tisch und Edgar lehnte sich genüsslich mit seiner Cohiba zurück, während Lothar und ich fachsimpelten. Kai-Uwe jaulte gequält auf.
Seit einigen Wochen läuft hier freitags »Let’s Dance« in der Flimmerkiste. Nun haben es sich Elli und Edgar nicht nehmen lassen, im Rauchersalon selbst eine kesse Sohle aufs Parkett zu legen. Freunde, ich muss neidlos anerkennen: wie damals Ginger Rogers und Fred Astaire. Norbert ist verzückt.
Wunderbare erste Sätze, Teil 127 [1/2]: »Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herr Lehmann nannten, weil sich herumgesprochen hatte, dass …
Im Park ließ ein Junge seinen Drachen steigen – immer höher und höher. Herr Ellerbrock stellte sich vor, er sei der Drachen und wäre nur eine kleine Unachtsamkeit des Jungen von der Freiheit entfernt. Doch dann bekam er es mit der Angst zu tun und rief innerlich: »Junge, lass die Schnur nicht los!«
Anlässlich des Welttags des Buches hatte sich Edgar mal wieder eine blutige Nase geholt, als er Norbert zum Stammtisch abholte und Carola zur Feier des Tages ein Kochbuch schenkte: »Hier, Carola! Damit du Norbert endlich mal was Ordentliches kochen kannst.« Edgar ist so unbelehrbar und doch lustig.
Wunderbare erste Sätze, Teil 126: »Lisbeth Salander schob sich die Sonnenbrille auf die Nasenspitze und blinzelte unter der Krempe ihres Sonnenhutes hervor.« »Verdammnis« von Stieg Larsson
Carola wollte unbedingt ein Hochbeet, weil es ja so rückenschonend sei: Einen Meter tief, einen Meter hoch, vier Meter breit! Also musste Norbert aus Holz und Gittern einen Riesenkasten zimmern und knapp 4 m³ Kompost bzw. Pflanzerde in das Konstrukt buckeln. Carola frohlockt, er hat jetzt Rücken.
Wunderbare erste Sätze, Teil 125: »Georg von Wergenthin saß heute ganz allein bei Tische.« »Der Weg ins Freie« von Arthur Schnitzler
Er trank seinen Morgenkaffee am offenen Fenster und genoss den Moment. In einiger Entfernung bellte ein Hund. Herr Ellerbrock hielt kurz inne, dann huschte ein flüchtiges Lächeln über sein Antlitz. Selbst kleinste Geräusche konnten manchmal wie Musik klingen.
Elli war gestern nachdenklich am Zapfhahn: »Drei Männer und eine Frau umrunden den Mond. Das wäre auch was für mich …« Norbert, Edgar und ich wurden natürlich hellhörig, da wir schon ein unschlagbares Quartett wären. Edgar warf dann ein, ob man an Bord rauchen dürfe. Verdammt, irgendwas ist immer!
Also, Freunde der Sonne und des Lichts! Dieser @therealgsmith.com ist mir ja schon ein kleiner blockiger Schlingel! Edgar meinte dazu nur, dass er sich doch gehackt legen solle. Norbert entzündete eine Cohiba und schwieg. Ich sende euch allen die besten Grüße aus meiner Kemenate!