Pengoblin

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Literatur und Musik sind Grundnahrungsmittel. Im Kopf stets einen Waldpfad, im Herzen eine Katzenklappe. Sprache ist mein Lieblingsspielplatz.

Stadtmorgen. Die Stadt tankt Kaffee und füllt Kühlwasser nach. Mit brummender Klimaanlage gleitet sie langsam durch den Backofen der Hitzestunden, freut sich auf das Versprechen eines Regens am Abend, der die Vogelschisse unfreundlicher Momente aus dem Erinnern wäscht.

Stadthitzetag. Alles dürstet nach etwas. Ein Hundetrinknapf am Wegrand wird aufgefüllt und gleich geleert. Die Blumen auf den Caféhaustischen nicken erschöpft im Schatten der Markise. Ein Luftballon zupft an seiner Leine und will so gern die einzige Reise antreten, die für ihn Sinn ergäbe.

Stadttag. Die Stadt ist ein wirres Netz aus verknüpften Kontrasten: Ankommen und Durcheilen. Parkstille und Kreuzungslärm. Hämmernde Schreie und herzoffener Gesang. Haben und Sein. Ich wähle für nun daraus: Ein entspanntes Festival zur Nacht und eine reife Gartenfrucht zum Morgen.

Blick auf ein unter dem Nachthimmel blau und rot erleuchtetes Festivalgelände in einem Park.Nahaufnahme reifer Tomaten an einem Strauch.

Stadtmorgen. In den Ritzen ihrer gigantischen Welt voller dummer Ungeheuer besprechen Insekten den Tag: zwei Wespen trainieren den perfekten Angriff auf Kuchenteller, ein Trupp Ameisen diskutiert die neue Wegroute unterm Abfallkorb, ein Schmetterling schminkt sich, zwei Hummeln brummeln Gu'n Mor'n.

Nachheiratsmorgen. Das Leben ist dasselbe, aber wie neu tapeziert. Im Oberstübchen werden nach und nach die neuen Erinnerungen hervorgeholt und gerahmt. Das Herz, schon lange im Zärtlichen beheimatet, hat den Erstwohnsitz umgemeldet. Aus allen Fenstern lächelt's.

Besondermorgen. Ein Ritual steht bevor, der Horizont verengt sich kurz und wird zum Durchgang. Hinter den aufgeregten Stunden, hinter dem Stolpern durch die Freude, warten wieder die Uhren, setzen sich zurück und lauschen auf den neuen Klang ihres Tickens.

Jemand sagte mal, eigentlich sei die Bibliothek die dominierende Lebensform auf diesem Planeten. Der Mensch existiere nur, damit er sich vermehren und mehr Bibliotheken erschaffen könne. Jasper Fforde, Wie die Karnickel (2025) #buchbeginn

Rotes Hardcover, darauf eine Kaninchenmaske in schwarzweiß mit einigen Einschusslöchern in den Ohren

Stadtvormittag. Zöge man an den Balkongriffen wahllos einige der Wohnschubladen aus den Hausschränken hervor und schaute hinein, man fände wohl von allem, was Mensch ist, ein wenig: Arbeit, Tanz, Schlaf, Küsse, Schläge, Schweigen, Worte. Weinen und Lachen sind oft nur durch eine dünne Wand getrennt.

Stadtferiensonntag. Der Banktower liegt an der Riviera, zwei ältere Hochhäuser an der Ostsee. Ein Penthouse ist nach L.A. gejettet; zwei befreundete Doppelhaushälften checken ein ins tunesische All inclusive. Eine Doppelgarage packt für den Campingplatz in Holland. Der alte Kiosk liegt am Baggersee.

Stadtfreitagmittag. Ein Rudel aufgeregter kleiner Brisen läuft vor dem Regen hin und her, der auf dem Weg irgendwohin flüchtig über die Stadt wischt und schon wieder fort ist. Müde blinzeln die Fenster nur kurz und senken ihre Jalousien erneut, um in der Schwüle dem Abend entgegenzudösen.

Sommerstadtmittag. Kreislauf sitzt im Keller und japst. Motivation hält ein frühes zweites Nickerchen. Routine zögert kurz vor dem Staubsauger im Schlafzimmer, lässt dann aber doch lieber den Ventilator weiterlaufen. Gedanken spazieren am Meer entlang. Fantasie knipst sich die letzte Nacht an.

Bürovormittag. Zwischen geöffneten Fenstern rascheln Formulare unruhig und rutschen abenteuerlustig näher an die Tischkante. In der Ferne ruft ein Teams Call - niemand antwortet. Der Ventilator spielt Projektmanager und macht viel Wind. Der Rollcontainer denkt sich sein Teil und klemmt in Vollzeit.

Stadtabend. Der Regen sagt der Stadt kurzfristig ab, wie ein Promi, der es müde ist, überall hochwillkommen zu sein. Hoch oben ziehen unendlich langsam leichte Wolken einher, man möchte sich in ihre Gelassenheit kleiden und mitreisen. Und doch ist es schön, die Seele ins Hier & Jetzt zu tauchen.

Stadtmorgen. Blick aus dem Fenster zum ersten Kaffee. Eine Traumerinnerung schwirrt noch eine Weile im Kopf herum wie eine Hummel an der Scheibe, findet dann den Weg ins Vergessensblau. Der Verstand schnallt die Flügel an. Wäre ich Mauersegler, ich käme aus dem "Huiii...!" gar nicht mehr raus.

Stadtgartenabend. Hinter dem Rücken der schwindenden Sonne locken sich Solarlaternen gegenseitig ins Leuchten. Ein Grillfeuer verglimmt. Ein Kinderlachen läuft heim. Die auffrischende Brise schüttelt Staub und Stunden aus dem Geäst, um im werdenden Dunkel mit den Grillen von Ewigkeit zu erzählen.

Stadtmorgen. Die Straße betreibt Morgenhygiene, leert die Tonnen und wischt feucht durch die Rinnsteine. Sie legt sich für den Tag die passenden Autos heraus (heute viel rot), parkt sie ein, zurrt ihre Hecken fest, lässt mondän die Jalousien wieder halb herunter für die Coolness.

Stadtnachmittag. Ein Gleittag sitzt im Café und chattet mit einer Urlaubswoche. Ein Halbtag serviert zwei Ruheständen Latte Macchiato. Zwei Schichtdienste reparieren einen Schaltkasten. Eine Home Office-Viertelstunde hängt Wäsche auf. Eine In-den-Tag döst auf der Parkwiese unterm Immergrün.

Pro-Tipp für Kurzsichtige: Wenn Sie die Fenistil-Tube im Sommer in die Kühlschranktür legen, kaufen Sie in dieser Zeit am Besten kein Tomatenmark mit ähnlichem Verpackungsdesign.

Stadtmorgen. Der Laubbläser auf dem Pausenhof träumt davon, ein Düsenjet zu sein und in die Ferne zu starten. Ungebärdig zerrt er an seinem Hausmeister hin und her. Gegen Mittag wird er begriffen haben und den Bürgersteig entlangfunktionieren wie alle braven Maschinen.

Stadtmorgen. Menschen reisen an aus den Reichen der Träume, öffnen die Türen und treten ein in den Großen Saal des Tages, zum vielgeübten Tanztheater, das nie so unabänderlich ist, wie es scheint. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn man ein anderes Fest zu leben beschlösse.