Die Bibliothek des Katholischen Gymnasiums Glogau
und ihre Spuren im Archiv des Gesamtkatalogs der Wiegendrucke
Im Archiv der Staatsbibliothek zu Berlin liegen die Arbeitsunterlagen eines der größten bibliografischen Langzeitprojekte überhaupt: Seit Beginn des 20. Jahrhunderts erfasst der Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW) alle weltweit bekannten Inkunabelausgaben. Die Arbeitsmaterialien des GW umfassen neben einer eigenen Handbibliothek und zahlreichen Karteikarten auch sämtliche Manuskriptzettel, die dem gedruckten GW als Vorlage dienten sowie ordnerweise Korrespondenzen mit Institutionen, Antiquaren und privaten Sammlern.
Dass einige dieser Ordner aus der Frühphase des GW mit einem „Panzerrand“ versehen waren, klingt wie eine Vorahnung der Katastrophen, die das Jahrhundert noch bereithalten würde und die auch den Fortlauf des Großprojekts erheblich beeinträchtigen sollten. So befinden sich unter jenen historischen Arbeitsmaterialien immer wieder Spuren von Bibliotheken, die in Kriegs- und Nachkriegszeiten verloren gegangen sind.
Eine dieser Bibliotheken ist die des Katholischen Gymnasiums zu Glogau (Głogów). Das Gymnasium wurde 1626 als Jesuitenschule gegründet und war die älteste Schule der Stadt.1 Anfang des 20. Jahrhunderts verfügte die Einrichtung – wie alle höheren Schulen im deutschsprachigen Raum – über mehrere Lehrmittelkabinette, die mittels eines jährlichen Etats erweitert und durch die jeweiligen Fachlehrer gepflegt wurden. Der Bestand der Lehrerbibliothek belief sich 1915 auf 14040 Bände.2 Ein zweiteiliger Katalog der Lehrerbibliothek3 von 1895 und 1897 listet zwei Drucke des 15. Jahrhunderts auf, deren zugehörige Ausgaben allerdings auf Grundlage des knappen Katalogeintrags nicht identifiziert werden können.
###### Inkunabeln im Reisegepäck
Zunächst überrascht es, dass diese schulische Sammlung in den frühesten Unterlagen des GW überhaupt nicht erscheint, lässt doch das Zusammenspiel dieser Faktoren – zunächst die Gründung als Jesuitenschule, der große Umfang der historischen Lehrerbibliothek, die Nennung zweier Inkunabeln im Bibliothekskatalog – eigentlich vermuten, dass die Schule als Bestandshalterin einer Inkunabelsammlung in Betracht kommt. Tatsächlich war es aber der Religionslehrer der Einrichtung, Studienrat Paul Knauer,4 der sich erst im Januar 1942 schriftlich an die Bearbeiter des GW wandte, nachdem er die Lehrerbibliothek seiner Schule vergebens in den bereits erschienenen Bänden des Gesamtkatalogs gesucht hatte:
> „In der Lehrerbücherei des Staatlichen Gymnasiums Fridericianum befindet sich eine grössere Anzahl Wiegendrucke. An der Hand des bisher erschienenen Gesamtkatalogs der Wiegendrucke habe ich festgestellt, dass diese hier liegenden Drucke der Kommission für den Gesamtkatalog noch nicht bekannt sind. Ich übersende darum hiermit die zugehörigen Karteikarten, die von einem früheren Bibliothekar ziemlich getreu angefertigt worden sind.“5
Knauer bot sogar an, eine geplante Reise nach Berlin Ende des Monats zu nutzen, um in der Staatsbibliothek vorstellig zu werden und gegebenenfalls die Karteikarten wieder mitzunehmen. Wie viele Karteikarten es waren, also wie viele Inkunabeln in Głogów aufbewahrt wurden, kann nicht mehr festgestellt werden.
Aus der Antwort auf Knauers Brief geht hervor, dass die Schulbibliothek „bei der Generalinventarisierung der Inkunabeln Deutschlands, die in den Jahren 1906–1911 stattfand, leider übersehen worden“ sein muss. Knauer wurde außerdem gebeten, bei seinem Besuch in Berlin drei Bände mit Inkunabeln mitzubringen, deren genaue Identifizierung mittels der Karteikarten nicht möglich war. Der Aufwand lohnte sich: In einem der Sammelbände befand sich eine bis heute einzigartige Ausgabe eines Prognosticons auf das Jahr 1486, das in Köln von Heinrich Quentell gedruckt wurde. Der entsprechende GW-Manuskriptzettel, der online eingesehen werden kann,6 vermerkt, dass in Berlin Fotografien von diesem besonderen Fund angefertigt wurden – wenige Jahre bevor sich die Bibliothek des Katholischen Gymnasiums praktisch in Luft auflösen würde.
GW-Manuskriptzettel mit Glogau als einzigem nachweisbaren Bestand und Vermerk “Photos vorh.”
Die Korrespondenz mit dem Studienrat sowie der Vermerk auf dem Manuskriptzettel vermitteln einen besonderen Einblick in die Arbeit des GW: Der Katalog entstand nicht allein am Schreibtisch, sondern in engem Austausch mit Bibliothekaren, Lehrern und anderen lokalen Kennern historischer Sammlungen. Die auf diese Weise zusammengetragenen Informationen wurden nicht nur auf den Zetteln notiert, sondern auch durch Fotografien, Sichtungsvermerke, Archivierung von Korrespondenzen und Angaben von Quellennachweisen gesichert.
###### Verhaltene Spurenlagen
Während der verheerenden Kämpfe um die zur Festung erklärte Stadt wurde Glogau 1945 fast vollständig zerstört.7 Die Innenstadt lag gänzlich in Trümmern und damit auch das Gebäude des Katholischen Gymnasiums mit seiner angrenzenden Kirche. Mit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung endete die Geschichte der Schule. Der Gebäudekomplex ist mittlerweile restauriert und wird als katholische Kirche genutzt, während das ehemalige Schulgebäude als Gemeindeverwaltung und Pfarrei dient. Der Verbleib der schulischen Sammlungen ist unbekannt, wenn auch die Bibliothek nicht vollkommen verschwunden ist.
So lässt sich zumindest eine Handschrift nachweisen, die einst dem Katholischen Gymnasium gehörte und die sich heute in der Universitätsbibliothek Freiburg befindet. Sie muss in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Besitz eines Sammlers juristischer Handschriften gelangt sein.8 Auch in polnischen Einrichtungen finden sich vereinzelt Exemplare der einstigen Schule: vier Bücher mit Bibliotheksstempel BIBLIOTHECA REG. CATH. GYMNAS. GLOGOVIENSIS lassen sich im Archäologisch-Historischen Museum Głogów nachweisen; einige Archivalien werden im Staatsarchiv Zielona Góra aufbewahrt.9 Die Schlossbibliothek Kórnik, in der Nähe von Poznań, ist in Besitz eines Buchs aus den Beständen der ehemaligen Lehrerbibliothek und einige Bücher müssen es bis ins 400 km entfernte Kraków geschafft haben: Die Bibliothek der dortigen Technischen Universität bewahrt fünf Bücher mit entsprechendem Stempel auf.
Von den Inkunabeln fehlt bislang jede Spur und dass sie in absehbarer Zeit wieder auftauchen, ist unwahrscheinlich. Nachdem der in den 1890er Jahren verfasste Katalog der Lehrerbibliothek im Teil mitten im Buchstaben I abbricht, sowohl der alte Bibliothekskatalog10 als auch die historischen Karteikarten der Bibliothek und nicht zuletzt die Bibliothek selbst verschollen sind, stellen sich die Unterlagen des Gesamtkatalogs der Wiegendrucke als die wichtigsten Zeugnisse dieser historischen Sammlung heraus. Briefe, Manuskriptzettel und Randnotizen dokumentieren den Moment kurz vor dem Ende der Bibliothek und das Engagement eines Lehrers, der die Bestände seiner Schule durch die wissenschaftliche Erschließung sichern lassen wollte. Da die Sammlung nicht mehr existent ist und auch die Schule nicht mehr weitergeführt wurde, gelangten Hinweise auf die Schule als Bestandshalterin von Inkunabeln weder in den gedruckten noch in den online GW.11 Es sind nurmehr die Arbeitsunterlagen des GW, die überhaupt noch von der Existenz dieser Schulbibliothek erzählen.
1. Vgl.: [Eduard] Gfrörer: „Das höhere Schulwesen Glogaus“, in Erwin Stein (Hg.): Das Buch der Stadt Glogau (Reihe: Monographien deutscher Städte, Bd. 17), Glogau 1926, S. 160–177, hier S. 167. [↩]
2. Vgl.: Jahresbericht über das Königliche Katholische Gymnasium zu Glogau für das Schuljahr 1914/1915, S. 18. [↩]
3. Bernhard Sckeide: Katalog der Lehrerbibliothek des Königl. Katholischen Gymnasiums zu Glogau, Teil I: Glogau 1895; Teil II: Glogau 1897. [↩]
4. Handbuch des Erzbistums Breslau für das Jahr 1942, Breslau 1942, S. 15. [↩]
5. Paul Knauer an die Kommission für den Gesamtkatalog der Wiegendrucke am 12. Januar 1942, im GW-Korrespondenzordner Göttw-Gz, o. Bl. [↩]
6. M34688 [↩]
7. Ein Foto des völlig zerstörten Gymnasiums findet sich hier: https://www.glogauerheimatbund.de/pages/NGA-Artikel/2015/NGA15_04Stadt_Festung_Glogau.html [↩]
8. Vgl. zu dieser Sammlung u. a.: Hans-Jochen Schiewer: „Die Sammlung Leuchte. Eine Berliner Privatbibliothek mittelalterlicher deutschsprachiger Handschriften“, in ders. (Hg.): Die Präsenz des Mittelalters in seinen Handschriften, Tübingen 2002, S. 337–350. [↩]
9. Ich danke Natalia Bartczak (Archäologisch-Historisches Museum Głogów) für die freundliche Auskunft. [↩]
10. Sckeide nennt im Vorwort zu seinem Lehrerbibliothekskatalog einen alten Katalog und verweist an mehreren Stellen in seinem Verzeichnis auf die Rubrik „Alte Drucke“, die dort allerdings nie gedruckt wurde. Es kann davon ausgegangen werden, dass es im alten Katalog eine Kategorie „Alte Drucke“ gegeben haben muss; dieser Katalog scheint jedoch verschwunden zu sein. [↩]
11. 2026 wurde in der Aufnahme zu M36820 der frühere Glogauer Bestand (Glogau Gym), der auch auf dem entsprechenden GW-Manuskriptzettel zu finden ist, im online GW nachgetragen. Dies ist bislang die einzige Aufnahme, die das Katholische Gymnasium Glogau als Bestandshalter angibt. [↩]
Elisabeth Rudolph
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Elisabeth Rudolph (3. August 2026). Die Bibliothek des Katholischen Gymnasiums Glogau und ihre Spuren im Archiv des Gesamtkatalogs der Wiegendrucke. _bibliotheca.gym_. Abgerufen am 3. August 2026 von https://histgymbib.hypotheses.org/33268
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