Mareike König (she/her)

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Es ist soweit: Heute startet das IEG seinen eigenen Podcast „Epochal“ und macht historische Forschung einem breiten Publikum zugänglich. Die erste Folge dreht sich um „Schönheitsideale, Mobilität und weibliche Handlungsmacht“ und ist unter hier abrufbar: epochal.podigee.io/1-schoenheit....

Schönheitskonkurrenzen

Schönheitswettbewerbe sind keine Erfindung von „Germany's Next Topmodel“. Schon seit 1909 wurden junge Frauen auf großen Bühnen bewertet – damals von Fachjurys, heute von Heidi Klum. Doch worauf kam e...

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„Es gab wiederholt Krach über den Verkauf von Museumsgut zur Devisensteigerung.“ Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Antikhandel Pirna und die Außenhandelsfirmen der DDR https://retour.hypotheses.org/10135

„Es gab wiederholt Krach über den Verkauf von Museumsgut zur Devisensteigerung.“ Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Antikhandel Pirna und die Außenhandelsfirmen der DDR

_von Barbara Bechter_ **###english abstract below###** Der Informelle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, „Heinrich Heine“, war bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden beschäftigt. Im Juni 1966 fasste er in einem Bericht an seinen Führungsoffizier die Stimmung innerhalb der Sammlungen mit den Worten zusammen: „Es gab wiederholt Krach über den Verkauf von Museumsgut zur Devisensteigerung.“1 Die Dresdner Kunstsammlungen wurden seit der sogenannten Sonderaktion Leipzig im Jahr 1963, bei der erstmals nach 1945 Museumsgut für den Verkauf abgegeben wurde, vom Berliner Ministerium für Kultur über Jahrzehnte bedrängt, weitere Kunstwerke zum Erwerb von Devisen bereitzustellen (Abb. 1). Abb. 1 Anweisung von Hans Bentzien, 1.10.1963 / Fig. 1 Instruction from Hans Bentzien, 1 October 1963 (© Archiv SKD 02/GD 460, Bd. 1, Bl. 3-4). Zur Finanzierung des Ankaufs vom Triptychon „Der Krieg“ (1929–1932) von Otto Dix für die Gemäldegalerie Neue Meister wurden 1968 außerordentlich kostbare Museumsbestände abgegeben. Sämtliche Kunstwerke gelangten weit unter Wert an Zwischenhändler und über diese in den internationalen Handel. Die dort erzielten sensationellen Verkaufserlöse kamen beispielsweise der Schweizer Zwischenhändlerin Andreina Torré zugute, nicht dem VEH Antiquitäten in Berlin und schon gar nicht den Dresdner Kunstsammlungen (Abb. 2). Abb. 2 Auktionskatalog Sotheby 23.3.1970 / Fig. 2 Sotheby’s Auction Catalogue, 23 March 1970 (Lot Nr. 34 und/ and © Archiv SKD 02/GD 708, Bl. 50). Sicher auch aufgrund dieser Erfahrungen erfolgten in den Jahren 1970 und 1973 weitere Anweisungen von staatlicher Seite, Kunstwerke zur Devisenbeschaffung aus den Museumsbeständen auszusondern. Besonders dramatisch war der Ministerratsbeschluss der DDR vom 4. Januar 1973. Dabei sollten in kürzester Frist aus dem staatlichen Fundus Antiquitäten und Museumsbestände aus allen Museen und Kunstsammlungen der DDR im Wert von 55 Millionen Valutamark für den Verkauf in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet zur Verfügung gestellt werden. Allein die Dresdner Kunstsammlungen hätten davon 12 bis 15 Millionen Valutamark aufbringen müssen, was nur unter erheblichem Substanzverlust und unter Abgabe besonders schützenswerter Objekte möglich gewesen wäre. Mitten in diesen aufregenden Wochen wurde am 20. Februar 1973 schon vorsorglich die „Kunst und Antiquitäten GmbH – Internationale Gesellschaft für den Export und Import von Kunstgegenständen und Antiquitäten” gegründet. Das Unternehmen gehörte zum Bereich Kommerzielle Koordinierung unter der Leitung von Alexander Schalck-Golodkowski, Wirtschaftsfunktionär der DDR und Offizier im besonderen Einsatz des Ministeriums für Staatssicherheit. Hauptzulieferer für Kunst und Antiquitäten jedweder Art war der Kunsthändler Siegfried Kath und sein Antikhandel Pirna (Abb. 3). Abb. 3 Annonce des Antikhandel Pirna (© BArch MfS BV KMSt AOP Nr. 633/76, Bd. 1, Bl. 128). Im Oktober 1983 schlossen die Dresdner Kunstsammlungen und die Kunst und Antiquitäten GmbH eine Vereinbarung „über die Verwertung von Gegenständen, die für den Export freigegeben sind“ (Abb. 4). Abb. 4 Vereinbarung Staatliche Kunstsammlungen Dresden mit Kunst und Antiquitäten GmbH vom 1.10.1983 / Fig. 4 Agreement between the Dresden State Art Collections and Kunst und Antiquitäten GmbH dated 1 October 1983 (© Archiv SKD 02/Vw 102, Bl. 72-73). Die Zahl der von 1963 bis 1989 abgegebenen Werke aus Nachlässen, Einlagerungen oder Beschlagnahmungen aus der Bodenreform im Bestand der Dresdner Kunstsammlungen umfasst viele tausend Objekte (Abb. 5). Abb. 5 Winfried Neubert, Einbahnstraße Richtung West (© Neue Berliner Illustrierte 3/1990, S. 36-37). Die Lager der Kunst und Antiquitäten GmbH in Mühlenbeck wurden 1990 auf einen Beschluss des Ministerrates der DDR hin offiziell aufgelöst. So kamen weit über 500 Kunstwerke in den Bestand der Kunstsammlungen, davon über 200 mit dem Herkunftsvermerk „Auflösung Antiquitäten GmbH Mühlenbeck“ in die Sammlung des Kunstgewerbemuseums und mehr als 80 in die Sammlung des Kupferstich-Kabinetts (Abb. 6 und 11). Abb. 6 Einige der Kunstwerke, die bei der Auflösung des Lagers der Kunst und Antiquitäten GmbH 1990 für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erworben wurden (© Kunstgewerbemuseum und Kupferstich-Kabinett, SKD). Im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojektes wurden nunmehr diese „Beziehungen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit den Außenhandelsfirmen der DDR anhand der Bestände des Dresdner Kunstgewerbemuseums und des Kupferstich-Kabinetts ausgehend von der Kunst und Antiquitäten GmbH“ genauer untersucht. Glücklicherweise bestand im Rahmen des Projektes auch die Möglichkeit, mit einer Reihe Zeitzeugen zu sprechen. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang für das Kunstgewerbemuseum Dresden der prachtvolle Lackschrank von 1725 mit der Inventarnummer 37322, dessen Unterteil 1976 nach West-Berlin verkauft wurde und im selben Jahr unter eigenartigen Umständen nach Dresden zurückkehrte (Abb. 7). Abb. 7 Lackschrank / Fig. 7 Lacquered cabinet, Inv. No. 37322 (© Kunstgewerbemuseum Dresden). Der ausführliche Beitrag mit einer Fülle nie gezeigter Dokumente und Abbildungen aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv Dresden, dem Hausarchiv der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und vielen anderen Institutionen ist unter der DOI 10.11588/artdok.00010104 online verfügbar und zitierfähig. * * * ## _“There were repeated controversies over the sale of museum artefacts to boost foreign currency reserves.”_ The Dresden State Art Collections, the Pirna Antiques Shop and the GDR’s foreign trade companies _by Barbara Bechte_ r ‘Heinrich Heine’, an informant for the Ministry for State Security of the GDR, was employed at the Dresden State Art Collections. In June 1966, in a report to his handling officer, he summarised the mood within the Dresden Collections as follows: ‘There were repeated disputes over the sale of museum artefacts to raise foreign currency.’ Ever since the so-called ‘Leipzig Special Operation’ in 1963 – during which museum holdings were put up for sale for the first time since 1945 – the Dresden State Art Collections had been under pressure from the Berlin Ministry of Culture for decades to make further works of art available for the purchase of foreign currency (Fig. 1). In 1968, exceptionally valuable items from the museum’s collection were sold off to finance the purchase of Otto Dix’s triptych “The War” (1929–32) for the Gemäldegalerie Neue Meister. All the works of art were sold to intermediaries at prices far below their value and, via them, entered the international art market. The sensational sales proceeds generated there benefited, for example, the Swiss intermediary Andreina Torré, not VEH Antiquitäten in Berlin and certainly not the Dresden State Art Collections (Fig. 8). Fig. 8 Eight of the ten items from the Dresden Porcelain Collection put up for sale in 1968 were acquired for the Ludwig Collection (© Ludwig Collection, Bamberg). It was undoubtedly partly as a result of these experiences that further instructions were issued by the state in 1970 and 1973 to select works of art from museum collections for the purpose of raising foreign currency. Particularly dramatic was the GDR Council of Ministers’ resolution of 4 January 1973. Under this resolution, antiquities and museum holdings from all museums and art collections in the GDR, worth 55 million Valutamark, were to be made available from the state collection at the earliest opportunity for sale to the non-socialist economic bloc (Fig. 9). Fig. 9 Resolution of the Council of Ministers of the GDR of 4 January 1973 (© German Bundestag, Parliamentary Paper 12/4500, p. 81). The Dresden State Art Collections alone would have had to raise 12–15 million Valuta marks, which would only have been possible at the cost of a significant loss of assets and by parting with objects of particular cultural significance. In the midst of these exciting weeks, on 20 February 1973, the “Kunst und Antiquitäten GmbH – International Society for the Export and Import of Works of Art and Antiques” was founded as a precautionary measure. The company formed part of the Commercial Coordination Division, headed by Alexander Schalck-Golodkowski, an economic official in the GDR and an officer on special assignment for the Ministry for State Security. The main supplier of art and antiques of all kinds was the art dealer Siegfried Kath and his Antiques Shop in Pirna near Dresden (Fig. 10). Fig. 10 Pirna Antiques Shop in the 1970s (© Christopher Nehring in Der Spiegel, 25.5.2018, Abb. 7). In October 1983, the Dresden State Art Collections and Kunst und Antiquitäten GmbH entered into an agreement “concerning the disposal of items authorised for export” (Fig. 4). The number of works transferred between 1963 and 1989 from estates, deposits or confiscations resulting from the land reform in 1945 and held in the collections of the Dresden State Art Collections amounts to many thousands of objects. The warehouses of Kunst und Antiquitäten GmbH in Mühlenbeck were officially liquidated in 1990 following a resolution by the Council of Ministers of the GDR. As a result, well over 500 works of art were added to the Dresden State Art Collections; of these, more than 200, bearing the provenance note ‘Liquidation of Antiquitäten GmbH Mühlenbeck’, entered the collection of the Museum of Decorative Arts, and more than 80 entered the collection of the Cabinet of Prints and Drawings (Fig. 6 and 11). Fig. 11 A selection of works of art with accompanying labels, acquired for the Dresden State Art Collections in 1990 following the liquidation of the Kunst und Antiquitäten GmbH warehouse (© Museum of Decorative Arts and Kupferstich-Kabinett, SKD). As part of a research project funded by the German Centre for Lost Cultural Property, these “links between the Dresden State Art Collections and the GDR’s foreign trade companies, as evidenced by the collections of the Dresden Museum of Decorative Arts and the Cabinet of Prints and Drawings, with a focus on Kunst und Antiquitäten GmbH” have now been examined in greater detail. Fortunately, the project also provided an opportunity to speak to a number of contemporary witnesses. Of particular interest to the Dresden Museum of Decorative Arts in this context is the magnificent lacquered cabinet from 1725, with inventory number 37322, the lower section of which was sold to West Berlin in 1976 and returned to Dresden in the same year under peculiar circumstances (Fig. 7). The in-depth article, featuring a wealth of previously unpublished documents and images from the Stasi Archives in Dresden, the in-house archives of the Dresden State Art Collections and many other institutions, is available online under the DOI 10.11588/artdok.00010104 and may be cited. * * * _Barbara Bechter ist Provenienzforscherin bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. / Barbara Bechter is a provenance researches at the Dresden State Art Collections._**** * * * 1 BArch MfS Dresden AIM 3387/81, Bd. 3, Bl. 39. Barbara Bechter Alle Beiträge anzeigen * * * Nur der Text ist unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International nutzbar. Alle anderen Elemente (Abbildungen, importierte Anhänge) sind „Alle Rechte vorbehalten“, sofern nicht anders angegeben. * * * OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren: Barbara Bechter (23. Juli 2026). „Es gab wiederholt Krach über den Verkauf von Museumsgut zur Devisensteigerung.“ Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Antikhandel Pirna und die Außenhandelsfirmen der DDR. _RETOUR 🠔_. Abgerufen am 23. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16m03 * * * * * * * *

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Technologische Fehlbarkeit, Künstliche Intelligenz und die Bedeutung von Error Literacy – Zum Vortrag von Prof.in Dr. Martina Heßler https://digihistbie.hypotheses.org/1228

Technologische Fehlbarkeit, Künstliche Intelligenz und die Bedeutung von Error Literacy – Zum Vortrag von Prof.in Dr. Martina Heßler

_Am 11. März 2026 war Prof.in Dr. Martina Heßler im Kolloquium des Arbeitsbereichs Digital History an der Universität Bielefeld mit einem Vortrag zum Thema „Nur ein Bug, kein Fehler? Überlegungen zur Geschichte technologischer Fehler und den Möglichkeiten einer Error Literacy“ zu Gast. Martina Heßler ist seit 2019 Professorin für Technikgeschichte an der TU Darmstadt und arbeitet unter anderem zu Technikemotionen, Technikanthropologie und aktuell zur Geschichte technologischer Fehler. Sie gab uns einen Einblick in ihre aktuellen Überlegungen zu Fehlern, Nichtwissen und dem verantwortungsvollen Umgang mit komplexen Systemen, die sich der menschlichen Evaluation zunehmend entziehen._ In den vergangenen Semestern haben sich die Mitglieder des Arbeitsbereichs _Digital History_ aus unterschiedlichen Perspektiven mit den Herausforderungen und Potenzialen Künstlicher Intelligenz (KI) beschäftigt. Dabei standen nicht nur die Möglichkeiten generativer KI für Forschung und Lehre im Mittelpunkt, sondern auch grundlegende Fragen der Mensch-Maschine-Interaktion. Diskutiert wurden etwa die Rolle des „Human in the Loop“, die Bedeutung menschlicher Kontrolle und Bewertung in algorithmisch gestützten Arbeitsprozessen sowie die Frage, wie digitale Tools historische Erkenntnisprozesse verändern (können). Mit dem Kolloquiumsvortrag von Martina Heßler (TU Darmstadt) wurde diese Diskussion um eine weitere wertvolle Perspektive erweitert. Unter dem Titel „Nur ein Bug, kein Fehler? Überlegungen zur Geschichte technologischer Fehler und den Möglichkeiten einer _Error Literacy_ “ stellte Martina Heßler in ihrem Vortrag ihre bisherigen Überlegungen zu diesem vielschichtigen Phänomen vor. Ihr Ausgangspunkt war dabei die Beobachtung, dass technische Systeme in der Gesellschaft häufig mit Vorstellungen von Präzision, Objektivität und Zuverlässigkeit verbunden seien. Gerade vor dem Hintergrund aktueller KI-Debatten erscheint diese Perspektive besonders relevant: Denn obwohl die Fehlbarkeit von generativer KI inzwischen offenkundig sei, bleibe das Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit bemerkenswert groß. Hausarbeiten und sogar wissenschaftliche Buchpublikationen würden mit Hilfe von KI erstellt, ohne dass dabei die Gefahr von halluzinierten Quellen und nicht existierenden Zitaten ausreichend berücksichtigt werden. Oder es würde durch das gezielte Einbauen von z. B. grammatikalischen Fehlern versucht, den Einsatz der KI zu verschleiern. Es brauche deshalb eine _Error Literacy_ , also ein Bewusstsein und Verständnis dafür, dass auch diese Art von Technologie fehleranfällig ist, wie man die Fehler erkennt und wie man mit ihnen umgeht. ## Geschichte(n) von Fehlern Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fehlern konzentrierte sich laut Martina Heßler lange vor allem auf Unfälle und Katastrophen, ohne dabei die Leistungsfähigkeit von Systemen grundsätzlich zu hinterfragen. In den letzten rund 15 Jahren habe sich der Fokus jedoch verschoben: In Forschungsansätzen wie den _Failure Studies_ werde der Blick mehr auf Fehler als Teil von Systemen gerichtet und vor allem in Bezug auf digitale Geräte betont, dass diese häufig schlecht funktionieren und fehleranfällig seien. Daneben werde auch die oftmals unsichtbar bleibende Arbeit des Wartens und Reparierens als Forschungsthema aufgenommen. Martina Heßler plädiert dafür, Fehler aber nicht ausschließlich als Unterbrechungen eines ansonsten einwandfrei funktionierenden Systems zu betrachten. Fehler seien vielmehr ein permanenter Bestandteil technischer Umwelten. Sie prägen Arbeitsweisen, strukturieren gesellschaftliche Praktiken und beeinflussen den Umgang mit Technologien. Aus dieser Perspektive wird die Frage interessant, wie in der Gesellschaft mit Fehlern umgegangen wird, welche Formen des Wissens dadurch entstehen und welche Vorstellungen von Technik sich darin spiegeln. Historisch zeige sich, so die Vortragende, dass die Idee technischer Perfektion insbesondere seit dem 19. Jahrhundert wirkmächtig geworden ist. Maschinen galten als präziser und zuverlässiger als Menschen. Dieses Narrativ wirke bis heute nach und fände sich auch in gegenwärtigen Vorstellungen von KI wieder. Gleichzeitig mache die Geschichte technologischer Fehler deutlich, dass technische Systeme nie vollständig fehlerfrei waren und es vermutlich auch nie sein werden. Erst seit den 1970er Jahren wurde der Begriff des „technologischen Fehlers“ eingeführt: Er war – so Martina Heßler – noch ungenau und umriss im Wesentlichen Fehler in technischen Umwelten, die eine Abweichung vom angestrebten Zustand darstellten. Damit seien auch Überlegungen einhergegangen, ob technologische Fehler nicht am Ende auch immer menschliche Fehler seien – eine Frage, die sich so pauschal aber schon damals nicht beantworten lassen habe. Sie habe aber dazu geführt, dass Sorgen über gesellschaftliche Folgen technologischer Fehler aufgekommen seien und es deshalb in den Debatten der 1960er bis 1980er Jahre überhaupt erstmals möglich geworden sei, über Fehler in dieser Form zu sprechen. Mit der Verbreitung von Computersystemen sei zunehmend deutlich geworden, dass Fehlerfreiheit in komplexen Systemen nicht garantiert werden könne. Der Fokus habe sich deshalb von der Frage verschoben, wie Fehler vollständig verhindert werden könnten, wie viele Fehler ein System aushalte und was zu tun sei, wenn man sie identifiziert habe. Diese Verschiebung erscheint heute bemerkenswert aktuell, denn auch und gerade im KI-Diskurs rücken Fragen nach Sicherheit, Risiken und Kontrollierbarkeit derzeit immer mehr in den Mittelpunkt. So warne beispielsweise der International AI Safety Report vor dem Einsatz von KI in Bereichen mit weitreichenden Konsequenzen, etwa in Medizin, Rechtsprechung oder Militär. Gleichzeitig entstünden umfangreiche Kataloge möglicher Fehler und Risiken, die jedoch eine vollständige Kontrollierbarkeit nicht gewährleisten könnten. KI-Systeme unterschieden sich in einem wesentlichen Punkt von anderen „klassischen“ technischen Entwicklungen: Während Fehler in traditionellen Programmen häufig auf konkrete Programmteile zurückgeführt werden könnten, entstünden Fehler in beispielsweise großen Sprachmodellen oftmals in hochkomplexen statistischen Prozessen. Die Ergebnisse wirkten plausibel, ließen sich jedoch nicht immer nachvollziehen, und nachweisliche Fehler ließen sich nicht immer zurückverfolgen. ## Die Erforschung des _Nichtwissens_ Im Zuge der Debatte um die Fehlerhaftigkeit von Systemen sei seit den 1970er Jahren klar, dass die Komplexität und Größe der Systeme, die wir aufbauten, die menschliche Kompetenz der Evaluierung deutlich überstiegen. Die so entstehenden „Wissenslücken“ adressiere die Agnotology, also die Erforschung von Nichtwissen. Während Forschende im Bereich der Wissenschaftsgeschichte lange vor allem die Produktion von Wissen untersucht hätten, stünden in der Agnotology Fragen danach im Vordergrund, wie Nichtwissen entstehe, organisiert werde und gesellschaftlich wirksam werde. Dieses Nichtwissen erreiche mit der KI in unserer Zeit eine neue Qualität. Die Systeme würden zu Black Boxes, deren interne Prozesse selbst für Expert*innen häufig nur begrenzt nachvollziehbar seien. Daraus ergebe sich eine epistemologische Verschiebung, in deren Vordergrund nicht mehr das vollständige Verständnis eines Systems stehe, sondern Strategien zum Umgang mit den aus Nichtwissen entstehenden Unsicherheiten. Fehler könnten häufig erst im Nachhinein erkannt werden, Kontrolle werde zunehmend retrospektiv. Martina Heßler beschreibe dies als eine „Strategie der Nachträglichkeit“: Wir lebten mit Systemen, deren Fehlverhalten sich nicht immer antizipieren lasse und die dennoch kontinuierlich genutzt würden. Gerade für Wissenschaft und Forschung werfe dies grundlegende Fragen auf. Was bedeutet es, wenn Ergebnisse nicht vollständig nachvollziehbar sind? Wie verändert sich wissenschaftliches Arbeiten, wenn Nichtwissen nicht mehr als vorübergehender Zustand erscheint, sondern als dauerhafte Bedingung digitaler Forschung? ## _Error Literacy_ als Antwort auf technologische Fehlbarkeit Vor diesem Hintergrund schlägt Martina Heßler das Konzept einer _Error Literacy_ vor. Gemeint sei damit mehr als die Fähigkeit, Fehler zu erkennen: _Error Literacy_ umfasse ein Bewusstsein für die grundlegende Fehlbarkeit technischer Systeme sowie die Kompetenz, mit Unsicherheit, Unvollständigkeit und Nichtwissen produktiv umzugehen. Dabei gehe es nicht darum, Fehler vollständig zu beseitigen – vielmehr solle ein reflektierter Umgang mit Fehlern ermöglicht werden. _Error Literacy_ bedeute, Fehler als normalen Bestandteil technologischer Praxis zu begreifen, ihre Ursachen kritisch zu hinterfragen und ihre Konsequenzen einschätzen zu können. Besonders wichtig erscheint dies im Umgang mit KI. Die Nutzung solcher Systeme setzt voraus, ihre Grenzen zu kennen und ihre Ergebnisse kritisch zu prüfen. _Error Literacy_ fördert damit eine Haltung, die weder von blindem Vertrauen noch von pauschaler Ablehnung geprägt ist, sondern von reflektierter Skepsis. ## Anschlussfähigkeit für die Digital History Die Fragen, die Martina Heßler in ihrem Vortrag aufgeworfen hat, sind in besonderer Weise anschlussfähig an aktuelle Diskussionen im Arbeitsbereich _Digital History_. Viele der Themen, die uns in den vergangenen Semestern beschäftigt haben, finden hier eine neue Perspektive. Dies betrifft Fragen nach Verantwortung und Agency ebenso wie Überlegungen zu Fehlern als Treiber von wissenschaftlicher oder kreativer Produktivität. Was bedeutet es für die praktische Herausforderung in der Digital History bzw. in den Digital Humanities als Ganzes, wenn die Tools und Systeme, mit denen wir arbeiten, Fehler machen, die wir nicht mehr nachvollziehen können? In der Diskussion im Anschluss an den Vortrag wurden darüber hinaus Fragen nach Verantwortung, Transparenz, Reproduzierbarkeit und wissenschaftlichen Standards aufgeworfen: Wer trägt etwa Verantwortung für fehlerhafte Ergebnisse? Wie verändert sich _Agency_ , wenn menschliche und technische Entscheidungen zunehmend miteinander verschränkt sind? Welche Folgen hat es für wissenschaftliche Praxis, wenn Ergebnisse nicht mehr vollständig reproduzierbar oder nachvollziehbar sind? KI-Systeme sind zu _Black Boxes_ geworden, sodass die Arbeit mit ihnen zunehmend erfordert, dass wir als Wissenschaftler*innen transparent offenlegen, was wir im Zuge unserer Forschung mit generativer KI tun. Von technischer Seite aus können wir nur eingeschränkt Transparenz gewährleisten, da wir nicht immer nachvollziehen können, wie die KI zu ihren Ergebnissen oder ihren Fehlern kommt. Menschliche und technologische Fehler vermischen sich in solchen Prozessen und wirken kontingent zusammen, sofern die KI nicht vollständig autonom ist. In diesen Fällen handelt es sich bei den resultierenden Fehlern dann auch nicht mehr um menschliche Fehler, was wiederum die Frage aufwirft, ob die KI noch ein Tool oder schon ein Akteur an sich ist. Damit verbunden ist auch die Frage danach, was in Mensch-KI-Konstellationen eigentlich mit Expert*innenwissen passiert. In der Diskussion wurde hierzu unter anderem die „Strategie der Nachträglichkeit“ noch einmal aufgegriffen: Wer habe noch die Expertise, um Fehler zu identifizieren und zu entscheiden, was getan werden solle? – Bei Expert*innen auf dem Gebiet der KI-Systeme bleibt nämlich laut Martina Heßler ein Nichtwissen bestehen, auch wenn sie bei der Identifikation von Fehlern etwa deshalb im Vorteil sind, da sie über Strategien im Umgang mit ihnen verfügen. Es gebe Expert*innen des „Nicht-Funktionierens“ in digitalen Umgebungen, das auch für KI-Systeme so werden könnte: So führt die Integration von KI in Prozesse fast aller Ebenen der Arbeitswelt beispielsweise zur Entwicklung neuer Berufe, die so heute noch gar nicht existieren. Die Arbeit mit KI-Systemen erfordert vor diesem Hintergrund einen gewissen Pragmatismus. Denn ganz gleich wie detailliert ein Arbeitsprozess dokumentiert wird, bleibt ein durch das System verursachtes Nichtwissen zurück. Es bedarf einer grundsätzlichen Akzeptanz der Fehleranfälligkeit unserer Tools, mit denen wir lediglich Plausibilitäten herstellen und analysieren können. Diese müssen wir adressieren und die Konsequenzen daraus in unserer Arbeit berücksichtigen. Die _Error Literacy_ soll, so Martina Heßler, nicht nur das Verständnis für die Fehleranfälligkeit unserer Systeme fördern, sondern auch dazu beitragen, dass die daraus resultierenden Konsequenzen ernst genommen werden. Denn auch diejenigen Personen, die um die Fehleranfälligkeit der KI wissen, nutzen sie weitgehend unreflektiert, wenn sich ein „negativer Pragmatismus“ einstellt, bei dem die Bequemlichkeit gegenüber einer reflektierten Arbeitsweise überwiegt. Dem gilt es entgegenzuwirken. Diese Fragen reichen weit über die Geschichtswissenschaft hinaus. Sie betreffen zahlreiche Disziplinen und machen deutlich, dass die Auseinandersetzung mit KI nicht allein eine technische Herausforderung darstellt, sondern eine grundlegende wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe ist. ## _Error Literacy_ und _Digital Literacy_ zusammendenken Für die Digital History ergibt sich daraus eine weiterführende Perspektive: _Error Literacy_ sollte als unabdingbarer Teil im Kontext der _Digital Literacy_ mitgedacht werden. Digitale Kompetenz umfasst längst mehr als die technische Bedienung von Werkzeugen. Sie beinhaltet die Fähigkeit, digitale Infrastrukturen kritisch zu verstehen, ihre Voraussetzungen zu reflektieren und ihre Ergebnisse einzuordnen. Gerade im Umgang mit KI wird deutlich, dass digitale Methodenkompetenz auch die Fähigkeit umfassen muss, mit Unsicherheit, Fehlern und Nichtwissen umzugehen. _Error Literacy_ , wie sie von Martina Heßler gefasst wird, erweitert _Digital Literacy_ daher um eine entscheidende Dimension: Sie sensibilisiert für die Grenzen digitaler Werkzeuge und stärkt die Fähigkeit, ihre Ergebnisse kritisch zu bewerten. Der Vortrag von Martina Heßler hat gezeigt, dass die Geschichte technologischer Fehler einen fruchtbaren Zugang zu diesen Fragen eröffnet. Die Beschäftigung mit Fehlern eröffnet nicht nur neue Perspektiven auf Technikgeschichte und KI, sondern verweist auf grundlegende Fragen wissenschaftlicher Praxis. _Error Literacy_ kann damit als eine Schlüsselkompetenz verstanden werden – für die Digital History ebenso wie für eine Gesellschaft, die zunehmend von digitalen Technologien geprägt ist. Vera Breitner Alle Beiträge anzeigen * * * OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren: Vera Breitner (1. Juli 2026). Technologische Fehlbarkeit, Künstliche Intelligenz und die Bedeutung von Error Literacy – Zum Vortrag von Prof.in Dr. Martina Heßler. _Digital History Bielefeld_. Abgerufen am 2. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16hs4 * * * * * * * *

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